Eine Science-Fiction Darstellung, in der ein Roboterkopf ein Frauengesicht trägt und nach oben ins All und auf ein Raumschiff sieht.

 

 

 

 KANN ICH DA

  NOCH MITHALTEN?

Redaktion
Marie-Luise Appelhans

Künstlicher Intelligenz (KI) gehört die Zukunft. Darin sind sich Wirtschaft und Wissenschaft einig. Das Kino entführt in Welten, in denen die Fiktion längst Wirklichkeit ist. Drei Filme haben wir ausgesucht. Sie lassen beispielhaft in das vielleicht bald Mögliche eintauchen. Wir fragen uns: Zukunftsleistung oder Leistungstraum? Muss Maschine „Mensch“ können? 
Oder gerät diese Entwicklung zum Menschheitstrauma?

Selbststeuernder Staubsauger, Produktionsstraßen in der Automobilindustrie oder chirurgische Eingriffe im Tausendstel-Millimeter-Bereich: Künstliche Intelligenz (KI) ist längst Teil unserer Wirklichkeit. Meist sind wir uns dessen nur noch nicht bewusst. Schon heute ersetzt die KI eine Unzahl menschlicher Handgriffe und leistet exakt-wiederholbare Perfektion. Doch ab wann gilt eine Maschine als intelligent? Und wie lässt sich das feststellen? Als angesehenstes Messwerkzeug für den Nachweis künstlicher Intelligenz gilt der sogenannte Turing-Test, 1950 vom Mathematiker Alan Turing entwickelt. Dieser Test funktioniert so: Ein Mensch kommuniziert zeitgleich mit einem anderen Menschen und einer Maschine. Beispielsweise via Chat – also mittels eines Instant Messengers. Beide – Mensch und Maschine – versuchen die Testperson davon zu überzeugen, dass sie reale Personen sind. Kann der Tester hinterher nicht mit Bestimmtheit sagen, welcher Gesprächspartner Mensch beziehungsweise Maschine war, gilt dies als „Intelligenzbeweis“ für die Maschine. US-Soziologe Hugh G. Loebner lobte 1991 ein Preisgeld von 100.000 Dollar für ein Programm aus, das diesen Turing-Test erfolgreich bestehen würde. Bis heute ist dies nicht gesichert gelungen. Ob 2014 ein eigenständig antwortendes Chatprogramm, ein sogenanntes Chatbot, den Turing-Test erfolgreich absolvierte, gilt in der Fachwelt als umstritten.

Im Kino allerdings finden wir seit „Metropolis“ (1927) menschengleiche künstliche Intelligenz. Aufgrund ihrer „menschlichen“ Leistungsfähigkeit stürzt sie die Protagonisten der Filme stets in eine Mischung aus sozial-moralischem Wirrwarr und emotional-konfusem Techtelmechtel. Perfektion erreicht, emotional fesselnde und berührende Androiden produziert: Das ist den Wissenschaftlern der drei folgenden Filmgeschichten gelungen. KI auf dem höchsten Level, die damit die „echten“, sozusagen „analogen“ Menschen, die wir alle sein könnten, in ihren Bann zieht.

Seitliches Portrait eines weiblich gestalteten Androiden.

#1 Blade Runner

Erscheinungsjahr: 1982  
(Fortsetzung Herbst 2017)

Regie: Ridley Scott

KI-Prognose: Gefühlsmaximum Story: Deckard ist ein Agent, der für die 
Tyrell Corporation Androiden-Menschen, sogenannte Replikanten, aufspürt, die sich illegal außerhalb ihres zugeordneten Reviers aufhalten. Er lernt eine Frau kennen, die sich später selbst als Replikantin erweist. Deckards Auftrag und bisherige Ziele scheinen in einer verkehrten Welt immer häufiger fraglich, falsch und moralisch verwerflich.

 

#2 Her

Erscheinungsjahr: 2013

Regie: Spike Jonze

KI-Prognose: Metavollkommenheit Story: Der schüchterne Theodore verliebt sich in sein neues intuitives Betriebssystem Samantha. Bald verklärt sich das anfängliche Liebesglück jedoch in eine Spirale aus Raum, Zeit und einer hyperintelligenten Sphäre. Die exponentielle Entwicklung des intelligent Operating System (iOS) aka Samantha ist für Theodore nicht mehr greifbar: Samantha lebt zu schnell in zu vielen Ebenen, die es in Theos Leben gar nicht gibt. Das Verständnis von „Liebe“ und „Beziehung“ der beiden ist plötzlich nicht mehr vereinbar.

 

#3 Ex Machina

Erscheinungsjahr: 2015

Regie: Alex Garland

KI-Prognose: Moralistische Grobmotorik Story: Ein Programmierer soll fernab jeglicher Zivilisation ein KI-Experiment namens Ava auf deren „menschliche“ Leistungsfähigkeit testen. Bereits nach Kurzem bestimmen Emotionen die Meetings mit der Androiden-Frau – diese setzt ihre Gefühlsregungen jedoch/allerdings gezielt ohne persönliche Verknüpfung ein. Ein psychologisches Duell verwischt die Grenzen zwischen Mensch und Maschine.

Menschlichkeit ist  unsere größte Stärke

Kino zeigt uns die Zukunft. Filme, die sich mit Künstlicher Intelligenz (KI) befassen, sind nicht nur unterhaltsame Science-Fiction. Sie entführen nicht einfach in spannende Fantasiewelten. KI im Kino: Da geht es immer auch um das Hier und Jetzt. Was heute Fiktion ist, könnte morgen Realität sein. Könnte. Muss aber nicht. Allerdings: Vieles, was neulich im Kino noch als Zukunftsmusik galt, ist inzwischen tatsächlich Wirklichkeit. Man darf die Szenarien also durchaus ernst nehmen, die sich da auf der Leinwand entfalten. KI-Filme skizzieren eine „futuristische Wirklichkeit“. Das eröffnet neue Perspektiven und inspiriert dazu, darüber nachzudenken, was Menschsein ausmacht. Was macht das im Nachgang mit uns, wenn das Popcorn leer und der Abspann vorbei ist?

KI im Kino setzt sich mit dem Eingriff des Menschen in die Natur auseinander. Das wirft gesellschaftliche, wirtschaftliche und ethische Fragen auf. Im Film ist der perfektionierte Mensch, ein Androide, „das“ Ziel schlechthin. Künstliche Intelligenz bedeutet Leistungssteigerung, unaufhörlich: schneller, weiter, höher. KI-Filme entführen nicht unbedingt in die Zukunft. Aber über die Fragen, die sie aufwerfen, wird jetzt entschieden.

Ist der Mensch in der Lage, das stetig komplexer vernetzte Wirken von Betriebssystemen zu erfassen? Wie sollen Menschen über etwas urteilen können, dessen Komplexität nur durch programmierte Mustererkennung in digitalen Datensätzen gelingt? Zumindest so viel steht fest: Der Fortschritt der KI wirft mehr Fragen auf, als er Antworten gibt.

Nicht Wissen oder Fertigkeiten unterscheiden den Menschen von Künstlicher Intelligenz, sondern die Fähigkeit zur Empathie und sein freier Wille. Wissen und Fertigkeiten lassen sich programmieren. Empathie nicht. Gefühle brauchen einen sozialen Resonanz-Raum. Liebe und Hingabe kann man nicht im Labor kreieren. Der freie Wille des Menschen ist weder programmierbar, noch lässt er sich kopieren. Major (Scarlett Johansson), aus dem diesjährigen KI-Blockbuster „Ghost in the Shell“, bringt es in ihrem Fazit am Ende des Films auf den Punkt: „Die Menschlichkeit ist unsere größte Stärke.“

Die Frage der Intelligenz ist der Logik unserer Gesellschaft zufolge keine mehr, die nur von Bildung und Wissen beantwortet wird. Intelligenz bedeutet Leistungssteigerung. Dass künstliche Intelligenz Menschen ersetzt, dient dazu, mehr Gewinn und weniger Verlust zu generieren. So funktioniert Kapitalismus. Der Mensch mutiert dabei zum „Humankapital“, dessen (Über-)Lebensberechtigung von seiner wirtschaftlichen Nutzbarkeit abhängt.  

Abgesehen von wirtschaftlichen Erwägungen, warum sollen Maschinen „Mensch“ können? Und wie wäre eine solche seelenlose künstliche Existenz zu behandeln, die letztlich „nur“ eine Metaoptimierung menschlicher Fähigkeit darstellt? Kein Zweifel: Es gibt viele Bereiche, in denen KI sinnvolle Anwendung findet. Wenn KI terroristische Inhalte auf Facebook herausfiltert und bereits vor der Veröffentlichung aussortiert, ist das nur eines von vielen Beispielen dafür. Eine „Designer-Persönlichkeit“ mit der Möglichkeit, die menschliche Natur auszuhebeln, um ihre gigantischen künstlichen Fähigkeiten für negative Ziele einzusetzen, wäre indes ein wahnwitziger Alptraum. Ganz sicher jedenfalls keine lohnenswerte Leistungsoptimierung. Wer solche Szenarien für absurde Utopien hält, sollte sich nicht täuschen. Das Kino zeigt Fiktionen. Richtig. Aber wir sind bereits näher an der angestrebten Entwicklung unabhängiger KI-Roboter, als uns das als Gesellschaft lieb sein sollte.

 

Futuristisch gestalteter Raum, in dem einige Roboter auf und ab gehen.

Leistungssteigerung im Computer-Boot-Camp

Die KI-Programme der Zukunft sind so komplex, dass sie

nicht mehr von menschlicher Hand zu schreiben sind. Forscher entwickeln deshalb „Trainingslager“, in denen diese durch Datensätze trainiert werden, um ihre Mustererkennung zu optimieren: Filtern, Abgleichen, Sortieren. Diese Art des Lernens wird als „Deep Learning“ bezeichnet und stellt die Zukunft des Programmierens dar.

 

Tesla-Chef Elon Musk warnte bei einem Auftritt vor US-Gouverneuren vor den Risiken Künstlicher Intelligenz. Das sei das „größte Risiko für unsere Zivilisation”. Musk wurde konkret: Eine in Netzwerken existierende Künstliche Intelligenz könne zum Beispiel einen Krieg starten: „Durch Fake News, gefälschte E-Mail-Konten, falsche Pressemitteilungen und die Manipulation von Informationen.” Oder sie könne ein Passagierflugzeug in ein Konfliktgebiet umleiten und Truppen am Boden einen Hinweis zum Angriff geben. Die Motivation dafür könne etwas so Banales wie Aktienprofite sein mit einer Kurswette auf Rüstungsfirmen und gegen Konsumgüter-Hersteller. Musk forderte Gesetze, mit denen die Entwicklung Künstlicher Intelligenz reguliert werde. Auch der Deutsche Ethikrat hat sich mit den Risiken der KI befasst. „Autonome Systeme. Wie intelligente Maschinen uns verändern“, lautete das Thema der Jahrestagung des Ethikrates 2017. Die Themenwahl ist bezeichnend. Sie beschreibt die Gefahr: Die KI könnte unser Menschsein verändern.

Schon jetzt konkurrieren wir mit den unerreichbaren Ergebnissen von Photoshop, pimpen Prüfungsleistungen mit Pillen, legen Gedächtnis-Clouds an, brauchen Bodypositivity, um wieder akzeptieren zu können, was ein normaler Körper ist, Health-Tracking um unser optimales Funktionieren zu überprüfen. Wir leisten uns bereits derart viel Künstlichkeit. Höchste Zeit, wieder auf Individualität und Persönlichkeit zu setzen. Das macht lebens- und liebenswerter als permanente künstliche Leistungssteigerung. Besser menschlich originell als künstlich intelligent.

Bild einer futuristisch gestalteten, sehr modernen Stadt, in der ein Flugzeug durch das Bild fliegt.

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