Winner

 

 

 

oder Loser

Redaktion 
Kirstine Fratz

Fotos
Bernhard Spoettel

Der sichere Weg zum Zeitgeist-Gewinner

Sie sind ein Zeitgeist-Teilnehmer – sehr gut, ich bin es auch.Und so, wie jeder Mensch hier, wandle ich auf dieser Welt durch meine Zeit und versuche, alles halbwegs richtig zu machen, damit mein Leben gelingt. Irgendwann möchte man zurückblicken und sagen: Mein Leben ist gut geworden, ich habe es geschafft. Doch was genau muss man für dieses Ziel leisten? Und woran orientiert man sich? Wer sagt einem, was zu tun ist? Gesund möchten wir sein, erfolgreich und attraktiv, den richtigen Partner finden, genug Geld haben, um tolle Sachen zu erleben und zu kaufen – und natürlich möchten wir für die Sicherheit im Alter sorgen. Wir möchten, dass es unseren Kindern gut geht und dass auch sie später die Aussicht auf ein gelungenes Leben haben. Aber von nichts kommt bekanntlich nichts. Also zeigen wir uns leistungsbereit und vertrauen dem aktuellem Leistungskonzept des Zeitgeist. Denn der verspricht uns das gelungene Leben, wenn wir nur seinen Vorgaben und Gesetzen hoch motiviert folgen. Er weiß, wie das läuft mit dem Erfolg, der Gesundheit und der Partnersuche. Er sagt, gesund sei, Spinat und Kohl jetzt nicht mehr zu kochen, sondern kalt gepresst zu trinken. Er weiß, wie wir aussehen und charakterlich drauf sein sollten, um den perfekten Partner zu finden. Er sagt uns, wie Erfolg geht, wenn wir unsere Karriere planen und uns dem Markt anbieten.

 

Willkommen in der Selbstoptimierung

Und die Zeit steht günstig für alle, die bereit sind, noch mehr für den Erfolg zu leisten. Denn wir leben aktuell in einem Zeitgeist, der sich Selbstoptimierung nennt. Für diese Art der Leistungssteigerung gibt es viele spannende Angebote auf dem Markt. Digitale Fitness-Tracker, Superfood und Pillen, welche unsere Hirnleistung steigern sollen – auch die von Kindern. Allmählich gewöhnen wir uns daran, dass es gut und richtig ist, alles an uns immer mehr zu verbessern. Die Augen auf 150 Prozent Sehkraft gelasert, alle Lebensthemen einmal durchgecoacht, Haare und Wimpern verlängert, damit das Leben endlich gelingt. Hat man dann den leistungsstarken Partner gefunden, geht man gemeinsam zum Cross Fit – die neue Elite der Super-Fitness. Später bringt man das gemeinsame Kind in einen Kindergarten, der Academy und nicht mehr Villa Kunterbunt heißt. Und zum Frühstück gibt es für alle nicht mehr Bio-, sondern Omega-3-Eier. Für eine bessere Hirnleistung steht auf der Packung. Spätestens jetzt sind Sie im Sinne des Zeitgeistes auf der Siegerspur.

Zeitgeist-Gewinn ist ein gutes Gefühl

Der aktuelle Geist der Selbstoptimierung erobert gerade alle unsere Lebensbereiche und unser Unterbewusstsein. Von dort aus entscheiden wir, was gerade wichtig und richtig ist für unsere Lebensplanung. Daher fühlt es sich gut an, wenn wir unser kleines Kind mit Omega-3-Fettsäuren versorgt in die Academy geben, dann beim Persönlichkeits-Management grüne Smoothies trinken und später das Kind zum Frühchinesisch bringen. Am Abend können wir uns ganz beruhigt ins Bett legen mit dem wunderbaren Gewissen, heute alles fürs gute Gelingen geleistet zu haben. Auch wenn Sie ein gemäßigter Zeitgeist-Teilnehmer sind oder vielleicht den aktuellen Zeitgeist sogar unmöglich finden, ist es wahrscheinlich, dass Sie denken, mehr Sport machen zu müssen. Dass Sie beim Mittagstisch mal kurz mit Zeitgeist-Augen über das Angebot schweifen und von den Lehrern eine bessere Förderung für Ihr Kind erwarten, obwohl eigentlich alles in Ordnung ist. Wenn der Zeitgeist es Ihnen nur lange genug zuflüstert, probieren Sie auch mal Superfood. Das müssen Sie dann der Welt erzählen und so posten sie auf Facebook Chiasamen-Pudding und schreiben, „Jetzt geht’s los, ich bin dabei!“, und bekommen aufmunternde Kommentare wie „Willkommen in der Zukunft!“ oder „Endlich hast Du es begriffen!“. Ihre Zeitgeist-Muffel-Freunde schreiben vielleicht, „Bratwurst forever“ oder „Weizen macht glücklich“. Doch das kümmert Sie gerade nicht, haben Sie doch ganz frische Anerkennung bekommen und wähnen sich auf der richtigen Leistungsseite.Sie sind auf den Zeitgeist-Geschmack gekommen und das fühlt sich ziemlich gut an.

 

Im Sog der neuen Welle

Jetzt nehmen wir einfach mal an, Sie machen das alles eine Weile mit. Am Anfang fühlte sich der Fitness-Tracker an ihrem Arm noch neu und vielversprechend an. Der digitale Supercoach für Ihre Fitness und Gesundheit. Endlich die totale Kontrolle über Ihre Zeitgeist-Leistungsziele und damit über Ihr gelungenes Leben. Ein paar Jahre später hat Ihre Aufmerksamkeit für das Piepen und Vibrieren des Trackers nachgelassen. Hin und wieder haben Sie in letzter Zeit sogar einfach Sport nach Gefühl gemacht, es aber noch keinem verraten, geschweige denn gepostet, da Sie sich über die Bedeutung dieser Aussage nicht im Klaren sind. Doch Sie haben das gute Gefühl, nicht ganz falsch mit Ihrem neuen Leistungsanspruch zu liegen. Letztens haben Sie von body positivity gelesen, intuitive eating und überhaupt folgen Sie einem Blogger, der sagt „liebe Dich selbst, so wie Du bist“. Stars in Hollywood zeigen sich gewollt ungeschminkt und die Kinder im Silicon Valley gehen jetzt in Kindergärten die „awakening intelligence“ heißen. Ohne es bewusst zu merken, sind Sie mittendrin in der neuen Welle. Nach all der Optimierung und den „For a Better You“-Kampfansagen dreht sich der Zeitgeist und erzählt uns jetzt, dass wir unseren Körper feiern sollen – so wie er ist. Dass unser Bauchgefühl darüber entscheiden soll, was wir wann essen, dass unsere Intuition die ideale Intelligenz ist. Achtsamkeit ist das neue Zeitgeist-Versprechen für ein gelungenes Leben.

Meine Zeit, der Geist und Ich

Wie schön wäre es jetzt, wenn wir einfach nahtlos auf die neue Welle übersetzen könnten und den ganzen Effizienz-Gedanken der Vergangenheit überlassen. Doch Zeitgeist-Wellen laufen nicht sauber hintereinander, sondern überlappen sich und arbeiten gleichzeitig. Das heißt: So mancher Zeitgeist-Teilnehmer geht abends ins Bett und fühlt sich schuldig, weil er zwar beim Job extrem innovativ war und beim Sport die Leistungsgrenze samt digitaler Bestätigung erreicht hat. Doch das angestrebte Achtsamkeitslevel in eigener Sache und bei den Kindern wurde weit verfehlt. Außerdem gab es beim Abendbrot kein Superfood, nicht einmal Bio. Von der anschließenden Partner-Performance ganz zu schweigen. Die war auch nicht im Sinne des Coaches. Gar kein gutes Gefühl. Wenn Sie abends auf Ihren Tag zurückblicken, filtern Sie das Erlebte automatisch durch eine Zeitgeist-Brille. Sie prüfen Ihre heutige Leistungsbilanz für ein gelungenes Leben und schneiden wahrscheinlich oft nicht so gut ab. Den meisten Zeitgenossen geht das so und das liegt in der Natur des Zeitgeistes. Denn der Zeitgeist ist immer nur ein scheinbares „Ideal“. In Wirklichkeit interessiert er sich nicht für Ihr reales Leben. Aus dem Vergleich von Zeitgeist-Anspruch und Lebenswirklichkeit entstehen oft Schuldgefühle, Selbstverurteilungen und die Angst, den Anforderungen seiner Zeit nicht gerecht zu werden. Dagegen stemmen wir uns und wollen uns und unsere Kinder für die Gebote des Zeitgeistes fit machen– bis das eine Versprechen nachlässt und vom nächsten überlagert wird. Und wir – Sie und ich – wir machen wieder mit. Wir starten wieder ein neues Konzept von unserem Selbst, in der Zuversicht, dass dann alles gut wird. Und so beherrscht der Wandel der Zeit unser Denken, Handeln und Fühlen immer wieder aufs Neue.

Buchhinweis

Kirstine Fratz, „Das Buch vom Zeitgeist. Und wie er uns vorantreibt“,
240 Seiten, Fontis, Basel, 2017.
ISBN 978-3-03848-127-0

Zeitgeist-Mündigkeit und Glaube

Sich in diesem rasanten Wechsel von Lehranweisungen für ein gelungenes Leben zurechtzufinden, ist eine besondere Kunst. Wer sie beherrscht, kann mit dem Spannungsverhältnis zwischen Ich-Zeit und Welt-Zeit besser umgehen. Wichtig ist, dass wir den Zeitgeist als das erkennen, was er wirklich ist. Die Polarität zwischen Unsicherheit und Sicherheit treibt uns an. Sie ist lebenswichtig für unsere Bewegung und unser Wachstum. Nicht die Überwindung des Zeitgeistes ist das Ziel, sondern sich bewusst zu werden, was mit uns geschieht – damit wir uns den Zeitgeist-Geboten nicht mehr willig opfern und die Annahme unserer selbst nicht davon abhängt, wie gut wir in das aktuelle Zeitgeistgeschehen passen. 

Vielleicht ist es an der Zeit, die neue Welle „Achtsamkeit“ durch ein neues Leistungs-Ideal abzulösen: durch Zeitgeist-Mündigkeit. Vielleicht ist es an der Zeit, die zu loben, die innehalten, wenn die Spannung zwischen dem eigenen Empfinden und den Forderungen der Welt zu groß wird. Vielleicht ist es der Moment, die zu würdigen, die eine bewusste Zeitgeistpause einlegen, wenn ihr Selbstbild von Angst und Selbstverurteilung überschattet wird. Vielleicht ist es eine gute Idee, die Welt mal Welt sein zu lassen und Nachhaltigkeit auf höheren Ebenen zu suchen und zu finden. Vielleicht ist es die Gelegenheit, sich wieder mehr mit der großen Quelle zu verbinden, für mehr Orientierung und mehr gelungenes Leben. Der Zeitgeist verbindet uns mit der Welt, doch unsere Unabhängigkeit von ihm, unsere Mündigkeit im Umgang mit ihm, verbindet uns mit uns selbst und mit Gott.

Ich hoffe, Sie können sich das leisten.

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