junge Frau in Sportkleidung, die bei Sonnenuntergang auf einer Wiese Yoga macht.

Entspann Dich!

Redaktion
Markus Reder

Fotos
Stefan Hanke

Kann sich die Leistungsgesellschaft noch Erholung leisten?

Chillen ist riskant. Was heißt riskant? Chillen ist geradezu gefährlich. Einfach abhängen geht gar nicht in einer Leistungsgesellschaft. Bequemlichkeit ist teuer. Wer rumhängt, produziert nichts. Außer Fettpolster. Und Fettpolster haben seit den Wirtschaftswunderjahren des letzten Jahrtausends als Wohlstandssignet ausgedient. Heute gilt der Waschbrettbauch als Inbegriff männlicher Fitness und  Leistungsfähigkeit. Gewissermaßen ist der Waschbrettbauch die Fortsetzung der Wirtschaftwunderwampe mit anderen Mitteln. Das gilt selbstredend nur für den Mann. Aus Gründen der Emanzipation verbietet sich das gesamte Wortfeld Wäsche zur Beschreibung weiblicher Leistungsbereitschaft.

Echte Waschbrettbäuche, auch Sixpack genannt (nicht zu verwechseln mit dem praktischen Biertragerl), kommen in der Natur ähnlich selten vor wie dürre Frauen mit üppigen Kurven. Das hindert die Designer der Leistungsgesellschaft nicht daran, beides zum Body-Ideal zu erklären. Wer nimmt schon Maß an der Natur. Wer Leistung zum absoluten Ziel erhebt, darf sich nicht mit der Natur aufhalten. Am Ende lernt man von der Natur Dinge, die der Wirtschaft in den Rücken fallen. Das wäre natürlich schlecht.

Hat man die Natur erst hinter sich gelassen, steht künstlicher Leistungssteigerung nichts mehr im Wege. Zwar wird selbst Sex dann irgendwann zum Leistungsport. Aber wir können uns nicht mit Kollateralschäden aufhalten, die man mit Medikamenten bekämpfen kann. Schließlich geht es um Leistung. Und an leistungssteigernde Pillen sind wir schon seit Schule und Uni gewöhnt.

Ein den Leistungsidealen entsprechendes Bodystyling gelingt in den seltensten Fällen durch die Berufsausübung. Dafür gibt es „workout“. Bauch, Beine, Po. Bizeps, Trizeps, Deltamuskel. Langhantel, Laufband, Bauchmuskeltrainer. Und zum Schluss rauf auf den „Darwin Power Tower“, um den Oberkörper zu perfektionieren. Am nächsten Tag mit Muskelkater ins Büro. Hauptsache auf leistungsbereit getrimmt.

Tagsüber „work in“ im Beruf, abends „workout“ im Studio. Das stresst auf die Dauer. Wer damit Probleme hat, sollte Burnout-Prophylaxe betreiben. Da gibt es genau zwei Möglichkeiten: Entweder Familie gründen. Das erhöht die Stressresistenz dramatisch. Oder man wechselt auf die andere Seite der Leistungsgesellschaft: in die Wellnessoasen. Dort winkt das Glück neuer Energiezufuhr. Sanft träufelt Wohlgefühl auf verspannte Leistungseliten. Alles wird gut. Sofern man alles bezahlen kann. Wohlfühlen hat seinen Preis. Auch Wellness muss man sich leisten können. Ob Kaffee-Körper-Peelings, Ampullen Crash Kuren für Eilige oder Rückenverwöhnprogramme nebst Bodyshaper: Entspannung ist teuer. Das hat sein Gutes. Zumindest weiß man dann, wofür man arbeitet. Damit schließt sich der Kreis. Tagsüber Hochleistung im Job, dann ab zum Workout. Hat man sich ins Wochenende gerettet, endlich Wellness. Wer sich fragt, wie er ohne Hotstonemassage die nächste Arbeitswoche überstehen soll, hat Höchstleistungsniveau erreicht.

Arbeiten, um sich Entspannung leisten zu können. Sich Entspannung kaufen, um wieder Leistung bringen zu können: Wirtschaftskreislauf nennen das BWLer im ersten Semester.

Aussteigen? Sich andere Ziele setzten? Na, erlauben Sie mal. Sich dem Entspannungsterror zu verweigern und dem Leistungsfuror Grenzen zu setzen, wäre eine Form von zivilem Ungehorsam, den sich immer weniger leisten können. Dafür braucht es entweder eine eigene Meinung oder Kinder. Meist bedingt das eine das andere. Beides gönnen sich heute immer weniger. Chill doch, wenn Du Dich traust.

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