Ein abstraktes buntes geometrisches Bild.

 

 

Fliegen lernen:

Vom neuen Mut das 

Richtige zu tun

geschätzte Lesedauer: 7 Minuten

Ein Gespräch
Kirstine Fratz und Clemens Neck

Illustrationen
Arno Dietsche

Was oder wer auch immer der Zeitgeist ist, heute tun wir mal so, als könnte man ihn fragen. Ich erlaube mir sogar, ihn zu duzen. Denn was ich von ihm wissen will, das ist schon sehr vertraulich. Also hier ist meine Los-leg-Frage: Worum geht es Dir, wenn Du Freiheit auf Deine Fahnen schreibst?

 

Spontan fällt mir ein Buchtitel ein: „Trau dich, es ist dein Leben“, steht auf dem Bestseller von Melanie Wolfers. Sie ist Seelsorgerin, Speakerin, Ordensfrau und sie stellt ihren Lesern die Kernfrage der Stunde: „Bist du der Pilot deines eigenen Lebens oder Passagier, dem andere die Richtung vorgeben?“.

 

Jeder ist seiner Freiheit Schmied? Jeder hat die Lizenz, sich seine eigene Freiheit zu bauen? Wäre das eine richtige Zusammenfassung? 

 

Was klingt wie ein Weckruf aus einem kollektiven Schlafwandeln in traditionellen Gewissheiten, ist in der Tat die neue Lizenz zum Selbst-entscheiden-was-richtig-ist. „Wir müssen uns abtrainieren, irgendeinem Ideal entsprechen zu wollen“, sagt Christina Richter, psychologische Beraterin / Entscheidungs-Coach und erklärt: „Wenn wir uns nicht nach unseren eigenen Bedürfnissen und Wünschen orientieren, sondern an anerkannten Gesellschaftsvorgaben orientieren, werden wir handlungsunsicher.“

Wieso willst Du Dich von Leitplanken verabschieden?

 

Die Vorstellung, sich innerhalb der anerkannten Leitplanken zu orientieren, bewirkt heute das Gegenteil von damals. Anstatt Sicherheit empfinden wir Unsicherheit, ob das, was wir entscheiden, richtig ist. Das Zentrum dieses gesellschaftlichen Wandels steckt dabei tief in uns selbst. Dort dämmert uns gerade, zu was wir vielleicht fähig sind, wenn wir aufhören Angst zu haben, uns selbst zu entscheiden.

„Du bist ein Geschenk für die Welt – und das Leben ist ein Geschenk für dich. Erschaffe etwas Außergewöhnliches, mit dir und für dich“, bestärkt Laura Marina Seiler – derzeit erfolgreichste Unternehmerin in Sachen Spiritualität und Lebenshilfe.

 

Naja, Laura Marina als Leitplankenersatz? Spiritualitätsunternehmerin gegen Menschheitserfahrung? Ok. Was habe ich vom Fahren ohne richtige Leitplanken?

 

Wenn der allgemeine Druck nachlässt, sich gesellschaftlichen Erwartungen anpassen zu müssen, sinkt natürlich die Bereitschaft, gegen sich selbst zu leben, um einer alten Ordnung zu genügen. Bei aller Sicherheit, welche Traditionen bieten, sie können auch erstarren und in dieser Starre bilden sich dann gute Verstecke für Macht und Schmerz. Momentan scheint das Vertrauen in Früher verwirkt zu sein und das Morgen muss erst mal neue Wurzeln schlagen.

 

Den Punkt sehe ich fast wie Du. Traditionen muss man reinigen von dem, was nicht wirklich weiterhilft. Nicht alles, was am Straßenrand herumlungert, ist deshalb schon eine Leitplanke.

Eine abstrakte Illustration aus den Farben gelb, grün und blau

Aber deswegen ganz ohne? Fliegen ist ja gut. Aber man kann auch aus der Kurve fliegen.

 

Das ist eine fragile Zeit und es ist nicht leicht, die Zweifel und Unsicherheiten auszuhalten. Wie wird man der Pilot seines eigenen Lebens? Wer bringt uns das Fliegen bei? Ich denke, im Mittelpunkt der Antwort steht die Frage: Macht es Dir Freude? „Magic Cleaning“ ist derzeit eine erfolgreiche Trainingseinheit für die innere Stimme. Chefcleaner ist die japanischen Aufräumfee Marie Kondo. Sie bringt Dir bei, die vielen Optionen an Zeugs und Kram, die sich in deinem Leben ansammeln, vor die innere Entscheidungsmacht zu stellen. Ihre simple Entscheidungsfrage lautet: „Macht es Dir Freude?“ Deine Freude soll entscheiden, ob etwas bleiben darf oder nicht.

 

Ich sehe schon den Ordner mit den Unterlagen für meine nächste Steuererklärung in den Flammen der japanischen Hölle. Zusammen mit der Einzugsermächtigung für Rundfunkgebühren und den Rezepten meiner Nachbarin für vegane Leberwurst. Was ist mit dem Schweiß, ohne den es keinen Preis gibt?

 

Ach komm. Du sollst dich für ein aufgeräumtes Leben entscheiden. Damit Du Platz hast für die Wegweiser, die bei Dir selbst zu Hause sind. Frage dich, wie sich etwas anfühlt, ob Du eine innere Verbundenheit mit Deinen Entscheidungen empfindest. Damit verflüchtigt sich der gesellschaftliche Anpassungsdruck zu Gunsten von Möglichkeiten und dem Gefühl, aus Dir heraus das Richtige zu tun. Der Weltstar unter den Paartherapeuten, Esther Perel, bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Früher war es eine Schande die Ehe zu verlassen, heute ist es eine Schande, wenn man bleibt und unglücklich ist.“

Darauf zu schielen, was die Nachbarn sagen, fand ich früher genauso spießig wie heute. Entscheidend ist die Frage, wieviel mein Wort wert ist, das ich einem anderen Menschen geschenkt habe. Aber bleiben wir beim Thema: Willst Du Dich wirklich davon steuern lassen, wonach Dir gerade ist? Alles dreht sich nur noch um Dich selbst? Magst Du solche Egomanen? Wie willst Du da über Dich hinauswachsen?

 

Gut, sagen wir es mit anderen Worten: Lass die Geister fliegen. Jeder ist ein Spektrum aus Möglichkeiten geworden, sich zu entfalten. Ein Lebenslauf nach Stereotypen oder Blaupausen ist kein Versprechen mehr für ein gelungenes Leben.

Die Bedeutsamkeit des eigenen Tuns tritt dadurch heller zutage. Und weil Du weißt, dass es auf Dich ankommt, wirst Du lernen, intensiver zu leben und beherzter zu entscheiden. Du wirst auch darauf drängen, Herr in Deinem inneren Zuhause zu sein. Ich will auch darauf eingehen, wie ich herausfinde, was wirklich richtig ist oder was nur einer Laune oder zeitweiligen Befindlichkeit entspricht.

Die Lage sehe ich so: Das große Ringen um Orientierung, Bedeutung und Sinn ist in vollem Gange und als einzelner Mensch bleibst Du oft im Innersten allein mit der Frage, welche Entscheidung das Leben beflügelt und welche es zum Teufel schickt. Der Zeitgeist hat sich von dem vermeintlich Verlässlichen verabschiedet, und konfrontiert uns jetzt mit einer Menge freifliegender Geister, zwischen denen wir lernen müssen zu unterscheiden. Ist das jetzt wirklich mein Geist, der Zeitgeist, der Weingeist, der korrekte Geist, ein Dämon, der Geist meiner Eltern, der Geist von Morgen oder vielleicht sogar der Geist des Ewigen? Wer die Geister scheiden kann, der hat noch nicht die Freiheit, aber er öffnet ihr die Türen.

Eine abstrakte Illustration aus den Farben grün und pink

Du machst es spannend, lieber Zeitgeist. Redest Du um den heißen Brei herum, oder fühle ich das nur, wenn ich ganz tief in mich hineinschaue?

 

Scherzkeks. Natürlich ist das eine neue Herausforderung, natürlich zwingt das den Einen oder Anderen in die Überforderung. Doch führt dieses Spannungsverhältnis auch in die Notwendigkeit, sich mit dem auseinanderzusetzen, was man wirklich will und vor allem, wonach das eigene Wesen hungert und dürstet. Es ist die Aufforderung, ein Vertrauensverhältnis zu seinem Inneren aufzubauen. Wenn die Krücken des Außen wegfallen, muss man lernen zu laufen. Dabei übernimmt man selbst die Verantwortung für sein Tun und das ist die Chance zwischen den Geistern zu unterscheiden. Es ist die Chance unseren Geist zu würdigen, „geistig“ zu denken und die verschiedenen Geister zu unterscheiden.

 

Wer entscheiden will, muss Kriterien haben. Das nimmt ihm die Entscheidung nicht ab und erst recht nicht die Verantwortung. Die Kriterien kann er aus dem Bauch ziehen oder was auch immer gerade juckt oder zwickt. Menschengerechter finde ich, wenn die Vernunft ins Spiel kommt. Und wenn die was sagen soll, dann braucht sie Wissen, Logik, gesunden Menschenverstand, Wahrhaftigkeit, einen unbestechlichen Blick, und warum nicht die Ideen der anderen. Am besten die besten Ideen zum Thema. Wenn ich im Dunklen sitze, erfinde ich ja auch nicht die Glühbirne. Ach ja, ein gut geschultes Gewissen gehört auch dazu. Vernünftige Entscheidungen schenken Kraft, vielleicht nicht die Kraft der Zweifelsfreiheit, aber immerhin die Zuversicht, sein Bestes gegeben zu haben.

Die Entscheidung zwischen den Geistern sehe ich wie einen Abgleich mit meinem Wesenskern. Es ist etwas Zartes, etwas Feines, etwas, das deine Aufmerksamkeit dahin lenkt, was der Kopf will und die Seele braucht. Passt Dir das? Kommen wir damit einer einenden und tragenden Idee des Menschseins wieder etwas näher? Was finden wir wirklich, wenn wir tief in unser Innerstes hineinhorchen? Ist das nur das Selbst oder auch die Verbundenheit mit etwas viel Größerem? Was, wenn die nach Innen gerichtete Entscheidungsfreiheit am Ende näher an unserem göttlichen Receiver dran ist, als jede nach Außen gerichtete Orientierung? Den Moment, in dem wir zuversichtlich wissen, was das Richtige ist, erleben wir wie eine Eingebung, wie Deine leuchtende Glühbirne, die uns sonnenklar erkennen lässt, was ansteht. Sind wir damit nicht Resonanzraum für einen Geist, der uns über unser Selbst hinausführt? Um in Zukunft zwischen den Geistern zu unterscheiden, braucht es eine kultivierte Verbundenheit mit unserem Inneren, der wir qualifizierte Aufmerksamkeit schenken. Auf diese Art entwickeln wir einen neuen Substanzwillen, der ohne – nennen wir sie mal besser – Zwangsplanken nachhaltig wirkt und das Gute erkennt. Dafür benötigen wir Menschen und Institutionen, die unseren besonderen Geist erkennen, sich um unsere Seele sorgen und denen wir vertrauen dürfen, damit wir wachsen können. Wir brauchen Führung an uns selbst, damit aus Entscheidungsnot Entscheidungsfreude wird.

 

Den Heiligen Geist hast Du jetzt ins Spiel gebracht. Ich glaube schon, dass Er in uns wirkt. Ich glaube auch, dass Seine Stimme in uns spricht. Das Gewissen habe ich ja vorhin schon angesprochen. Das funktioniert nur, wenn wir es an Ihm orientieren. Das ist wie mit einem Kompass. Der nützt gar nichts, wenn er gaaanz tief in sich hineinschaut. Der dient nur dann, wenn er sich am Nordpol orientieren kann. Und der liegt jwd, janz weit draußen.

Eine abstrakte Illustration aus den Farben türkis und rot

Warum soll ich nicht Gott ins Spiel bringen? Warum traust Du mir das nicht zu? Was wäre, wenn wir gegenwärtig einem Zeitgeist gegenüber stehen, der weniger Geist der Zeit, als Zeit des Geistes ist? Gott schenkt Zeitpunkte und der Heilige Geist ist ein Geist, der in die Freiheit führt, so heißt es. Vielleicht sind wir an diesem besonderen Punkt, wo wir die Freiheit ergreifen sollen, um uns als Betrachtende, Selbstwirksame und Eigenverantwortliche mit dem jwo zu verbinden.

 

Jwo?

 

Janz weit oben.

 

Ein beseelter Zeitgeist, der nicht von allen guten Geistern verlassen ist, sondern die Menschen erfüllt und sie Berge versetzen lässt? Meinst Du das? Ich sage jetzt nichts Frommes, sonst glaubt mir dieses Gespräch wieder kein Mensch. Aber damit Du das letzte Wort hast: fasse noch mal bitte zusammen. 

 

Der Mensch öffnet sich als Resonanzraum für die Impulse des Heiligen Geistes und lernt zu „fliegen“. Denn wenn ich Geist bin, dann bin ich auch verbunden mit dem heiligen Geist und mein Innerstes gibt mir die Richtung vor, die uns in die Weite führt, in die Mitmenschlichkeit, in die Treue und Liebe zu uns selbst und zu anderen, in die Freundschaft, das Mitgefühl, die Hochherzigkeit. Wäre das nicht der alte Traum der Freiheit mit allem Drum und Dran?

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