Ein junges Paar läuft durch den Fluss.

FREUNDSCHAFT UND EHE 

 

EINE FRAGE DER LIEBE

geschätzte Lesedauer: 12 Minuten

Autor

Franz Salzmacher

Fotos

Bernhard Spoettel

Redaktionelle Mitarbeit 

Franziska Schneider

Kann aus Freundschaft Liebe werden, vielleicht auch eine Ehe erwachsen? Ist Ehe nur eine Form von Freundschaft? Opern, Romane, Dramen und Tragödien ranken sich um diese Fragen. Denn sie haben, so Benedikt XVI., mit dem Sinnvollsten zu tun, was der Mensch tun kann: lieben.  Liebe aber ist nicht wirklich greifbar. 

In einem Buch mit dem Titel „Über die Liebe“ schreibt der spanische Philosoph und Publizist Ortega y Gasset deshalb allen Eheleuten ins Stammbuch: „Ein Mann kann seine Mutter, Gattin, Tochter oder Schwester mit größter Innigkeit lieben, ohne dass seinem Gefühl auch nur ein Funke von Illusion innewohnt. Und umgekehrt kann es geschehen, dass sich ein Mann bezaubert, hingezogen fühlt, ohne irgendetwas von dem zu verspüren, was wir recht eigentlich als kindliche, väterliche, eheliche oder brüderliche Liebe bezeichnen. Die Frauen, mit ihrem treffsicheren Instinkt, erkennen sehr genau, ob die Empfindungen, die sie hervorrufen, das Gepräge der Illusion tragen, und im geheimsten Grund ihres Herzens fühlen sie sich nur dann geschmeichelt und zufriedengestellt, wenn dies der Fall ist.“ Denn, so der Menschenkenner weiter, „es gibt nur ein Ding welches das Herz des Mannes ganz zu erfüllen vermag: Das Herz der Frau.“

„Freundschaft ist ein intensives Vorfeld von Liebe und Partnerschaft“

Man könnte auch, wie der Paartherapeut Albert Wunsch im Gespräch mit GRANDIOS, über das Thema Ehe und Freundschaft sagen: „Freundschaft ist eine Mischung aus guter Verbundenheit und ganz tiefer Verlässlichkeit, auch Vertrautheit. Aber sie ist nur ein äußerst intensives Vorfeld von Liebe und Partnerschaft“. Sie bezaubert nicht. Sie erfüllt das Herz nicht bis in die letzten Winkel. Denn „in einer einfachen Freundschaft ist das Thema Sexualität und Erotik im Normalfall tabu. Jemanden mal in den Arm nehmen ist vielleicht eine vorerotische Stufe. Und in der Ehe gehört diese Form dazu und ist gleichzeitig eine Steigerung des Verbundenseins. Es gibt keine so intensive Nähe wie im Bereich von Erotik und Sexualität. Eine Nähe, die man mit dem Zentimetermaß nicht mehr messen kann. Es gibt Paare, die machen das Licht aus, wenn sie miteinander kuscheln wollen. Weil sie diese Dichte nicht aushalten. Es existiert in der Ehe also schon eine klare Abgrenzung zur Freundschaft“.

Paartherapeut Albert Wunsch im Gespräch mit GRANDIOS.

 

„Garant fürs Alltägliche“

 

Wunsch, der in seinem Buch „Boxenstopp für Paare“ konkrete Tipps für das Zusammenleben auch in schwierigen Zeiten gibt, hält Freundschaft in und besonders vor der Ehe allerdings auch für unverzichtbar. Freundschaft sei ein „unwahrscheinlich tolles Trainingsfeld für Partnerschaft und Ehe“, sie sei der „Garant fürs Alltägliche“. Sie garantiere zum Beispiel „die Eigenständigkeit jeder Person“ und das sei „die Voraussetzung, dass ich den anderen nicht als Brücke oder Instrument für meine Interessen brauche“. Man sollte daher in der Ehe „nicht so stark auf den Aspekt ‚in guten wie in schlechten Tagen‘ schauen, sondern sagen: ‚wir wollen das Leben miteinander teilen‘.“ Dann unterscheide man auch nicht mehr in gute oder weniger gute Phasen. Das sei wie das Wetter, mal gut, mal schlecht, aber immer da.

Eine letzte Garantie für das Gelingen des gemeinsamen Lebens gebe es freilich nicht, bei aller Freundschaft. Aber es gebe die Hoffnung und den Willen, dieses Ziel zu erreichen. „Und dann kommt, gerade beim katholischen Eheverständnis, das Sakramentale dazu. Gott ist der Dritte im Bunde, Gott ist der, der mitgeht und begleitet. Wenn ich nicht akzeptiere, dass es eine Dimension außerhalb von mir gibt, ich nenne sie Transzendenz, werde ich es gerade in schwierigen Situationen nicht schaffen, mich nicht immer als Mittelpunkt der Welt zu betrachten.“

 

Die Eigenständigkeit der Person setze auch deren Freiheit voraus. Persönliche Freiheit sei überhaupt „die Voraussetzung, um in Freundschaft und Ehe leben zu können. Ich muss in mir frei sein, der andere muss in sich frei sein“. Die andere Seite der Münze Freiheit sei die Verantwortung. „Unsere Freiheit und unsere Verantwortung sind unabdingbar miteinander verbunden.“ Deshalb zählt das freie Ja bei der Eheschließung doppelt. Es bindet und verbindet. Denn beim Vollzug der Ehe bestätigt es die Existenz des anderen, als wollte man sagen: Es ist gut, dass du da bist, jetzt und immer. Und diese Liebe kann in einem neuen Leben Gestalt gewinnen. Deshalb ist die eheliche Freundschaft immer tiefer als eine platonische und trägt auch weiter als ein Leben.

 

Dr. Albert Wunsch 
Goldmann Verlag 
ISBN: 
3964090298

 

 

 

 

Johanna und Benedikt Brunnquell

Für Johanna (33) und Benedikt (35) Brunnquell aus Ergoldsbach ist Freundschaft auch eine Frage des Wohlwollens: „Nicht fehlen darf das ,Gut-mit-dem-anderen-meinen‘ von beiden Seiten, das Bewahren von Geheimnissen und das Einfühlen in den Anderen“. Deshalb gelte: Er der beste Freund, sie die beste Freundin. Denn „wir beide haben die tiefste Beziehung, die wir mit Menschen führen und egal, was ist, der Andere meint es immer gut mit mir.“ „Das Ja vor Gott und zueinander war uns sehr wichtig. Wir empfinden es so, dass unsere Beziehung dadurch eine Stufe höher gestellt wurde. Das Sakrament der Ehe ist wie eine Schutzhülle, die die Beziehung ganz umschließt, sodass diese nicht so leicht zerbricht. Deshalb war nach dem Ja in der Kirche klar: Jetzt gehören wir ein Leben lang zusammen. Der ehrliche Zuspruch des Anderen für ein lebenslanges Ja zu einem tut unglaublich gut. Das schenkt Sicherheit und zugleich Gelassenheit“. „Wenn Kinder da sind, muss man als Ehepaar noch besser als Team zusammenarbeiten, daher ist die Freundschaft auch da sehr wichtig. Es ist dann herausfordernder, sich für diese Freundschaft Zeit zu nehmen, jedoch umso wichtiger.“

 

Alejandra und Augusto Wiegand-Perez

Auch das Ehepaar Wiegand-Perez aus Regensburg hält Kinder für eine starke Herausforderung. Man müsse sich „auf so viele Dinge einigen!“ Aber „eine freundschaftliche Beziehung ermöglicht es uns, das Wohl des Anderen und das Wohl der Familie zu wollen“. Wohlwollen gehört für sie zum Kern der Freundschaft: „Freundschaft ist eine gewählte Beziehung, im Gegensatz zu familiären Beziehungen, Arbeitsbeziehungen und anderen Beziehungen. Es ist ein bewusster Akt, Aspekte des Lebens mit einer anderen Person teilen zu wollen. Engagement, Loyalität und Aufrichtigkeit sollten in einer Freundschaft nicht fehlen.“ Auch für sie geht Ehe über Freundschaft hinaus. „Wenn wir nicht im romantischen Bereich zusammengefunden hätten, wären wir sicher auch gute Freunde geworden mit gemeinsamen Interessen und würden über die gleichen Dinge lachen. Unsere Ehe ist auch eine Freundschaft, aber unsere Beziehung ist heiliger als jede andere Art von Freundschaft.“ Das Ja-Wort in der Kirche habe das Versprechen besiegelt, „ein Leben lang“ Freunde zu sein.

 

Anna und Mark Fleischmann

Für die 25 Jahre alte Anna und den 27-jährigen Mark Fleischmann aus Landshut ist wichtig, dass „ich frei reden und handeln darf. Ich muss mich nicht verstellen oder liefern, was der Andere gerne von mir hätte. Oft hilft Humor, damit ein unbeschwertes Miteinander möglich ist“. Mark ergänzt: „Anna ist für mich auch Freundin fürs Leben. Trotzdem würde ich sie so nicht bezeichnen, da für mich die Ehe mehr als nur Freundschaft ist. Sie ist deutlich verbindlicher.“ Für Anna ist „Mark auf jeden Fall mein bester Freund“. Bei einer einfachen Freundschaft fehle ihnen die Verbindlichkeit, die Romantik und auch die „Unauflöslichkeit“. Mark: „Uns beiden ist der Glaube wichtig. Ich bin aus einer Freikirche und Anna ist katholisch, aber der christliche Glaube an einen lebendigen Gott ist für uns beide sehr zentral. Wir beten jeden Tag und oftmals auch gemeinsam und besuchen zusammen den Gottesdienst.“ Das Ja-Wort in der Kirche habe ihr Leben verändert. Anna: „Wir sind erst mit der Hochzeit zusammen in unsere jetzige Wohnung gezogen. Außerdem haben wir uns entschieden mit dem Sex bis zur Hochzeit zu warten, es war für uns eine gute Entscheidung.“ Für beide ist klar: Man muss auch in der Ehe an sich arbeiten. Mark: „Ich denke man kann die Ehe auch als Garten sehen. Unkraut wächst leider von allein. Deswegen braucht es regelmäßige Pflege.“

 

Franziska und Benjamin Biberger

Für Franziska und Benjamin Biberger aus Schierling, die zwei Kinder haben, ist „Freundschaft definitiv ein fundamentaler Baustein unserer Ehe. Wir würden sogar sagen, Freundschaft ist eine Grundvoraussetzung für eine funktionierende Ehe. Liebe, die nur auf Romantik oder körperlicher Anziehung gründet, wird relativ schnell ernüchtert werden“. Freundschaft bedeute, „dass man sich mag, sich schätzt, sein Leben miteinander teilt. Eine Ehe ohne dieses Vertrauen ist für uns nicht vorstellbar“. Das Fundament mit dem Baustein Freundschaft ist für Franziska (28) und Benjamin (33) der Glaube. „Gott ist das Fundament unserer Ehe. Erst unsere Freundschaft zu Gott macht uns wirklich fähig zu lieben. Gott ist unser starker Fels, wenn es in unserem Leben rund geht; unsere Zuflucht, wenn wir nicht weiter wissen; unsere Sicherheit, wenn alles drunter und drüber geht. Hätten wir den Glauben nicht, müssten all diese Aufgaben der Partner und die Familie erfüllen. Das wäre zu viel für unsere Liebe.“ Sie haben eine Gleichung des Glaubens: „Gott ist die Liebe, das heißt ohne Gott keine Liebe“. Deshalb war das Ja bei der kirchlichen Trauung „für uns enorm wichtig. In diesem Sakrament steckt eine große Gnade, die uns als Ehepaar stärkt und schützt“. Kinder sind, so die Bibergers, eine Herausforderung, auch für die Ehe. „Da bleibt manchmal gar nicht mehr viel Zeit für Ehe und Freundschaft. Aber im Familienchaos ist es total schön, wenn man weiß, wie der Partner tickt und dass man sich auf ihn verlassen kann.“ 

 

Chiara Morawetz und Ahmed Othman

Chiara Morawetz und Ahmed Othman
Chiara und Ahmed zusammen am Wasser.
Chiara und Ahmed
Chiara Morawetz und Ahmed Othman
Chiara und Ahmed zusammen am Wasser.
Chiara und Ahmed

Die frisch verheirateten Chiara Morawetz (20) und Ahmed Othman (28) aus Regensburg haben klare Kriterien für Freundschaft: „Freundschaft ist eine emotionale, nicht physische Beziehung zwischen zwei Personen. Umarmungen ausgenommen. Wichtig sind: Vertrauen, Zeit, gemeinsame Interessen, aber nicht ausschließlich, offen und ehrlich über alles reden können, zuhören und diskutieren, helfen und unterstützen, Wertschätzung, Akzeptanz, offenes Ohr und breite Schulter zum Ausweinen, zusammen lachen und auch mal Blödsinn machen.“ Das gehört auch zur Ehe. Aber sie unterscheiden auch „zwischen (besten) Freunden und (Ehe-) Partnern“. Für Chiara sieht das so aus: „Mit meinem Partner will ich alles teilen, Gefühle, Gedanken, Ängste, das gemeinsame Leben. Mit meiner besten Freundin möchte ich auch vieles teilen, aber nicht alles. Das ist eine andere Ebene“. Chiara und Ahmed haben standesamtlich geheiratet. Er ist Moslem, sie ist nicht religliös – der Glaube spielt für beide aber „keine große Rolle. Die Religion wird aber wahrscheinlich mehr Bedeutung haben, wenn Kinder ins Spiel kommen“. Denn es sei, so meinen beide, „sehr wichtig, bei der Erziehung an einem Strang zu ziehen, ein gutes Vorbild zu sein“.

 

Lena und Sebastian Schäffler

Lena und Sebastian Schäffler aus Neustadt an der Donau

Für die Schäfflers aus Neustadt an der Donau ist „Humor sehr wichtig“. Das helfe in jeder Freundschaft und Ehe, „unterschiedlichen Ansichten die scharfen Kanten abzuschleifen“ und daran zu wachsen. „Gemeinsam lachen zu können darf auf keinen Fall fehlen.“ Das setzt voraus, dass man zuhört. „Ein Freund ist jemand, der gut zuhören kann. Jemand, der mich kennt, auch die Schwächen, und darauf Rücksicht nimmt. Jemand, der mit durch Höhen und vor allem auch durch Tiefen geht und mir treu zur Seite steht. Er hilft dir auch die beste Variante deiner selbst zu sein. ‚Ein guter Freund ist der, der die Melodie deines Herzens kennt und sie dir vorspielt, wenn du sie vergessen hast‘ (A. Einstein)“. Für beide ist klar: Der Ehemann ist der beste Freund im Leben, die Ehefrau die beste Freundin. „Auf jeden Fall! Unserer Meinung nach beinhaltet Ehe Freundschaft. Erst muss eine Freundschaft entstehen, dass Liebe überhaupt möglich ist.“ Freundschaft ist für Lena (29) und Sebastian (32) also „eine fundamentale Säule. Das Hauptfundament ist aber definitiv der Glaube! Gott hat die Priorität Nummer 1. Wir brauchen ihn als Fundament in unserer Ehe. Er hilft uns einander immer wieder zu vergeben und aufeinander zuzugehen. Durch den gemeinsamen Alltag wurde und wird die Beziehung und Freundschaft immer intensiver“. Erst recht, wenn Kinder kommen. „Dann ist es wichtig ein Team zu sein und besonders an der Freundschaft weiter zu arbeiten und im Gespräch zu bleiben und sich sehr bewusst Zeiten füreinander zu nehmen.“

 

 

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