- Autor: Thomas Mertz
- Illustration: Atelier4
Geduld lernen: Warum innere Ruhe und Gelassenheit heute wichtiger sind denn je
Als ich meiner Frau erzählte, dass ich eingeladen worden bin, ein Essay über die Geduld zu schreiben, da hat sie gelacht. Ähnlich erging es mir mit meinen Söhnen. Das sollte mich nachdenklich machen. Wie geduldig bin ich wirklich? Wahrscheinlich bin ich doch kein so langmütiger Mensch, wie ich gerne wäre.
Ich kann mich aufregen, wenn etwas nicht nach meinen Vorstellungen läuft, es fällt mir schwer zu warten. Wenn ich etwas vor anderen erkannt habe, werde ich unruhig, weil diese mehr Zeit benötigen, um mir zu folgen, oder ich werde sogar unleidlich, wenn andere zu anderen Schlüssen kommen. Ich bin zu schnell, vielleicht aber auch nur eilig und hastig – und lasse mir nicht die billige Zeit. Ich kann aufbrausend werden, wenn etwas nicht gleich klappt oder nicht so läuft, wie ich es erwarte … Und bin ich nicht doch am Ende ein normaler Mensch, wofür ich mich halte, oder doch der Typ, der nur schwer akzeptieren kann und möchte, dass er unvollkommen ist. Geduld, etwas für Vollkommene?
„Von Ungeduld verstehe ich was.“
Muss ich nun mit dem antiken Schriftsteller Tertullian schlussfolgern: „Ich fürchte, ich gestehe es vor Gott, meinem Herrn, dass es unverschämt von mir wäre, über Geduld zu schreiben. Ich bin nicht die richtige Person.“ Denn, so fährt der Autor, der wegen seiner Ungeduld zum Häretiker wurde, fort: „Wenn etwas demonstriert und vermittelt werden muss, sucht man kompetente Leute, die sich zuvor genau damit befasst und es angeleitet haben, um es mit der Autorität, die aus ihrem persönlichen Verhalten erwächst, empfehlen zu können.“ Nun, ich habe mich verpflichtet und versuche also, etwas Hilfreiches zu schreiben. Denn was ersichtlich geworden sein sollte, ist, dass ich etwas von Ungeduld verstehe. Und das sollte mir helfen, auf das Gegenteil zu schließen. Zumal, wenn ich den einen oder anderen Text zu Hilfe nehme.
Geduld im Spiegel des Lebens
Warten, Wirklichkeit, Wahrheit
Geduld hat also mit Warten zu tun. Mit Warten und Wirklichkeitssinn, auch mit Wahrheit, die ja nichts anderes bedeutet, als die Realitäten außerhalb von uns in unserem Verstand wiederzuerkennen. Niemand kann in kurzer Zeit erreichen wollen, was nur über einen langen Zeitraum erreicht werden kann. Man muss sich wohl oder übel der Wirklichkeit unterordnen können. Demütig sein, nannte man das früher.
Demut als die Fähigkeit, in der Wahrheit zu wandeln, darauf verwies Teresa von Avila. Und Thomas von Aquin sprach aus, man habe mit der Geduld die eigene Seele in Besitz. Geduld also, um Bestehendes zu akzeptieren. Ungeduld dagegen ist ein Protest gegen die Tatsachen. Geduld erträgt Unvollkommenheit, sie verliert nicht angesichts von Misserfolgen die Fassung. Der christliche Moraltheologe Adolphe Tanquerey meint darüber hinaus: „Wir alle haben so viel Leid zu ertragen, dass es uns zu Heiligen machen könnte, wenn wir nur mutig und aus übernatürlichen Motiven leiden würden.“
Geduld als Stärke und Tugend
Geduld baut auf, Ungeduld zerbricht
Geduldig ist, so Pieper, „wer sich durch ein wie auch immer geartetes Übel nicht zu ungeordneter Traurigkeit hinreißen lässt“. Geduldig ist, wer sich nicht die Heiterkeit und Klarsichtigkeit der Seele rauben lässt. Hier geht es nicht um den Verzicht auf energisch zupackende Aktivität, sondern um das Zurückweisen jeder Traurigkeit und Verwirrung im Herzen. „Geduld“, so Pieper, „ist … der strahlende Inbegriff letzter Unverwundetheit.“ Oder wie Hildegard von Bingen es ausdrückt: „Geduld ist die Säule, die von nichts erweicht wird.“
Mein Aufbrausen angesichts von Ereignissen, die nicht so laufen, wie ich sie will oder gar als kleiner Wüterich verlange, ist also eine Art verfehlter Tapferkeit. Denn diese besteht nicht vorrangig in Angriff und Zorn (natürlich ist zu handeln, wenn gehandelt werden kann), sondern in Standhalten und Geduld. Eben weil, wie der Weisheitsfreund erklärt, „die wirkliche Welt so gebaut ist, dass erst im äußersten Ernstfall, der außer dem Standhalten gar keine andere Möglichkeit des Widerstandes übriglässt, die letzte und tiefste Seelenstärke des Menschen sich zu offenbaren vermag“.
Nur mit Geduld herrscht Harmonie. Ein ungeduldiger Mensch kann niemals höflich sein, während ein geduldiger Mensch niemals unangenehm wird. Der Ursprung aller Fehler ist der Stolz, aus dem die Ungeduld entsteht. Der Geduldige ist sanftmütig. Niemand kann sich demütigen, wenn er nicht zuerst die Geduld hatte, sich zu unterwerfen … den Tatsachen, der Wirklichkeit, der Wahrheit … Das hat es in sich.
Geduld tut not, um Ärgernisse und schmerzhafte Krankheiten, die Menschen täglich plagen und quälen, zu ertragen, aber auch die Menschen, die täglich plagen und quälen. Geduld baut auf, Ungeduld zerbricht. Geduld überwindet Versuchungen, sie erträgt Verfolgungen. Und mit Geduld lässt sich ertragen, was ohne Gewalt nicht unterdrückt werden kann.
Ausdauer statt Aktivismus: Da freut sich das Gehirn
Geduld als Kraftspender für den Alltag
Hier wird Geduld zur Gelassenheit. Auch Gelassenheit lässt sich als Frieden in der Not und Ruhe in Schwierigkeiten definieren. Ein Stau, der daran hindert, pünktlich zu einem Arbeitstreffen zu erscheinen, ein unwillkommener Strafzettel, ein kleines Kind, das zum vierten Mal in der Nacht weint, Vorbereitungsstress vor einer Hochzeit, einem Umzug, dem ersehnten Urlaub, ein empfindlicher Schwiegersohn, ein hysterischer Nachbar … Alles leichter, wenn gelassen, zu ertragen. Jeder kann die Momente zählen, die uns jeden Tag im Kleinen aus dem Gleichgewicht bringen, betrachtet man sie jedoch mit Interesse – interessiert –, dann können sie der beste Weg sein, um in großen wie in kleinen Dingen Gelassenheit zu erlangen. Zudem fordert ein Leben voll fieberhaftem Aktivismus einen gewaltigen Tribut vom menschlichen Körper und insbesondere vom Gehirn, lehrt jedenfalls die Neurobiologie.
Geduld also als Kraftspender, infolge der Bescheidenheit. Die Herausforderung besteht offensichtlich darin, inmitten der Wechselfälle des Alltags gelassen und zuversichtlich zu handeln und so ein Leben zu führen, das uns hilft, die Schönheit dieser Welt mehr zu genießen, die Dinge aus einer ruhigeren Perspektive zu betrachten und meine Fehler als Lernchance zu begreifen. Dazu hilft die Geduld.
Ich verstehe nun besser, warum meine Frau und Kinder gelacht haben.
Ich lache jetzt gerne mit.



