- Autorin: Veronika Wetzel
- Fotos: Heinz Jansen & Rüdiger Fessel
Tanja Hock: Eine Hebamme verändert Madagaskar mit Mut, Glaube und Hingabe
Die erste Begegnung mit Afrika
Es sind die Blumen vor ihrem Fenster, die sie morgens sieht, als sie den Vorhang zum ersten Mal aufzieht. Die gleichen Blumen, die ihre Eltern zu Hause aus Plastik hatten. „Da wusste ich sofort: hier bin ich zu Hause, hier gehöre ich her.“ Vor 19 Jahren wanderte Tanja Hock nach Madagaskar aus. Die Insel, die für viele Urlauber ein Traumort ist, ist für die meisten Bewohner der pure Albtraum: Das Land gehört zu den zehn ärmsten der Welt, viele Leute haben ein Einkommen von etwa einem Dollar fünfzig pro Tag, vier Prozent aller Neugeborenen überleben ihr erstes Lebensjahr nicht. Denn es gibt keine flächendeckende Gesundheitsversorgung auf dem ostafrikanischen Inselstaat.
Kostenlose medizinische Hilfe für die Ärmsten
Das erste Hebammenmobil
Die damals 31-Jährige kauft 2009 ein altes Postbankmobil aus Deutschland und fährt mit einem kleinen Team zu den Obdachlosen mitten in der Hauptstadt Antananarivo und in entlegene Gebiete im Umkreis. Dort bietet sie den Ärmsten, die sich sonst keine Arztbesuche leisten könnten, kostenlose medizinische Versorgung an.
Von der schüchternen Schülerin zur mutigen Missionarin
Dabei war Tanja nicht immer eine Abenteurerin. Im Gegenteil: Sie war genügsam, ist gern zu Hause geblieben. Doch mit 15 schleppen ihre Eltern sie auf einen Urlaub nach Kenia mit. Dort kommt sie zum ersten Mal in Kontakt mit Afrikanern und „da ist meine Liebe zu Afrika entbrannt und hat mich nie wieder verlassen“. Aus heiterem Himmel und ohne wirklich zu wissen, was das bedeutet, sagt sie in diesem Urlaub zu ihren Eltern: „Ich werde mal Missionarin.“
Warum Tanja Hock Hebamme wurde
Dabei war Tanja nicht immer eine Abenteurerin. Im Gegenteil: Sie war genügsam, ist gern zu Hause geblieben. Doch mit 15 schleppen ihre Eltern sie auf einen Urlaub nach Kenia mit. Dort kommt sie zum ersten Mal in Kontakt mit Afrikanern und „da ist meine Liebe zu Afrika entbrannt und hat mich nie wieder verlassen“. Aus heiterem Himmel und ohne wirklich zu wissen, was das bedeutet, sagt sie in diesem Urlaub zu ihren Eltern: „Ich werde mal Missionarin.“
Der Start in Madagaskar – zwei Koffer und eine große Vision
Die Geburt der „Mobilen Hilfe Madagaskar e.V.“
„Wenn Gott will, blüht ein Besen.“ – Wachstum trotz Herausforderungen
Zu Beginn hatte die 47-Jährige ein kleines Team: einen Fahrer, einen Arzt, eine Hebamme und eine Bürohilfe. Seitdem ist das Projekt extrem gewachsen: Tanja hat inzwischen rund 150 Mitarbeiter. Mit ihnen betreibt sie nicht mehr nur das Hebammenmobil, sondern auch ein Zahnarztmobil, ein Gesundheitszentrum, ein Kinderzentrum, in dem die Kleinen mit von Tanja gesammeltem Spielzeug spielend lernen können und – das ist der größte Zugewinn – seit 2019 ein Krankenhaus. Für Tanja ist das ein Wunder. Denn bis heute ist all die Arbeit, die sie und ihre Mitarbeiter täglich leisten rein spendenfinanziert – Unterstützung erhalten sie weder von der madagassischen noch von der deutschen Regierung. Und permanente Spenden decken nur etwa 20 Prozent ihres Bedarfs. „Das wirft ein Licht darauf, dass wir wirklich total von Gottes Versorgung abhängen.“ Die Erinnerung daran ist heute außen auf die Klinik gemalt: „Wenn Gott will, blüht ein Besen.“ Ein Spruch, der auf einer Karte stand, die Tanja mit 15 bekommen hatte und der sich für sie seit ihrem Beschluss, Missionarin zu werden, immer wieder bewahrheitet hat.
Vom Hebammenmobil zum Krankenhaus: Ein Werk aus Gottes Versorgung
Die Arbeit von Tanja und ihrem Team ist heute aus der Region nicht mehr wegzudenken: Jährlich helfen sie, 450 Kinder auf die Welt zu bringen, und versorgen rund 30.000 Patienten – ob sie an einer Erkältung, einer Magen-Darm-Erkrankung leiden, einen Unfall gerade so überlebt haben oder Bluthochdruck haben, woran bereits viele junge Menschen wegen der schlechten und unausgewogenen Ernährung erkranken, wie Tanja erklärt. Genau da setzt die Frau, der scheinbar weder Kraft noch Ideen je ausgehen, an: Vor der Klinik gibt es nun einen Gemüsegarten, in dem bedürftige Menschen aus dem Ort arbeiten – statt eines Lohns können die Mitarbeiter, die sonst oft nur Reis essen, einen Teil der Ernte mit nach Hause nehmen. Krankheiten vorzubeugen, statt nur zu behandeln, das ist der Hebamme wichtig.
Anfangs war da viel Misstrauen und Angst.
Tanja Hock, Hebamme, Mobile Hilfe Madagaskar
Bundesverdienstkreuz und weitere Ehrungen
Demut bedeutet, Geschenke weiterzugeben
Berührende Geschichten von Müttern und Kindern
Doch als sie von ihren Patienten spricht, kommen ihr die Tränen. Sie erzählt von einer Frau, an die sie sich noch genau erinnert: Es war schon dunkel, als es abends am Tor der Klinik klopfte. Davor stand eine hochschwangere Frau, die kein Kind mehr wollte und sagte: „Ich bekomme jetzt hier mein Kind und lasse es bei dir.“ In ihrer Not rief Tanja eine stillende Freundin an, die das Baby versorgte, bis sie es am nächsten Tag zu einer anderen Freundin ins Kinderheim bringen konnte.
Für Tanja eine von vielen Bestätigungen, dass sich all die gebrachten Opfer lohnen: „Ich darf dieses Mädchen jetzt bei Freunden in der Familie aufwachsen sehen und muss immer wieder denken, wie schön es ist, dass ihre Mutter nicht eine der Frauen war, die in ihrer Verzweiflung ihr Kind auf den Müll gelegt hat. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als zu wissen, dass man jeden Tag einen Unterschied macht in dem Leben der Menschen und Menschen Gutes tun kann. Da braucht es nicht viel mehr Motivation.“



