Es gibt nichts Schöneres, als im Leben anderer einen Unterschied zu machen – Hebamme Tanja Hock

Als Hebamme auf Madagaskar rettet Tanja Hock Menschenleben.
Hebamme Tanja Hock lächelnd mit einem Baby auf dem Arm

Tanja Hock: Eine Hebamme verändert Madagaskar mit Mut, Glaube und Hingabe

Vor 19 Jahren wandert die Hebamme Tanja Hock nach Madagaskar aus und gründet eine mobile medizinische Versorgung. Damit versorgt sie inzwischen jährlich rund 30.000 Menschen und hilft, 450 Kinder zur Welt zu bringen. Über eine Frau, die vom schüchternen Mauerblümchen zur mutigen Missionarin wird.

Die erste Begegnung mit Afrika

Es sind die Blumen vor ihrem Fenster, die sie morgens sieht, als sie den Vorhang zum ersten Mal aufzieht. Die gleichen Blumen, die ihre Eltern zu Hause aus Plastik hatten. „Da wusste ich sofort: hier bin ich zu Hause, hier gehöre ich her.“ Vor 19 Jahren wanderte Tanja Hock nach Madagaskar aus. Die Insel, die für viele Urlauber ein Traumort ist, ist für die meisten Bewohner der pure Albtraum: Das Land gehört zu den zehn ärmsten der Welt, viele Leute haben ein Einkommen von etwa einem Dollar fünfzig pro Tag, vier Prozent aller Neugeborenen überleben ihr erstes Lebensjahr nicht. Denn es gibt keine flächendeckende Gesundheitsversorgung auf dem ostafrikanischen Inselstaat.

Kostenlose medizinische Hilfe für die Ärmsten

Für die gelernte Hebamme ist klar: Das kann sie nicht gesehen haben, ohne zu versuchen, etwas an dieser Situation zu ändern. „Wenn man in ein afrikanisches Land geht und sieht, wie anders die Umstände sind als das, was wir als normal empfinden, dann – finde ich – kann man eigentlich nur demütig werden und ,Danke’ sagen, dass man in einem Land aufwachsen durfte, in dem fast alles möglich ist. Mich hat das inspiriert, etwas von meinem ,Normal’ an andere weiterzugeben, die das sonst nicht erreichen könnten.“

Das erste Hebammenmobil

Die damals 31-Jährige kauft 2009 ein altes Postbankmobil aus Deutschland und fährt mit einem kleinen Team zu den Obdachlosen mitten in der Hauptstadt Antananarivo und in entlegene Gebiete im Umkreis. Dort bietet sie den Ärmsten, die sich sonst keine Arztbesuche leisten könnten, kostenlose medizinische Versorgung an.

Von der schüchternen Schülerin zur mutigen Missionarin

Dabei war Tanja nicht immer eine Abenteurerin. Im Gegenteil: Sie war genügsam, ist gern zu Hause geblieben. Doch mit 15 schleppen ihre Eltern sie auf einen Urlaub nach Kenia mit. Dort kommt sie zum ersten Mal in Kontakt mit Afrikanern und „da ist meine Liebe zu Afrika entbrannt und hat mich nie wieder verlassen“. Aus heiterem Himmel und ohne wirklich zu wissen, was das bedeutet, sagt sie in diesem Urlaub zu ihren Eltern: „Ich werde mal Missionarin.“

Warum Tanja Hock Hebamme wurde

Dabei war Tanja nicht immer eine Abenteurerin. Im Gegenteil: Sie war genügsam, ist gern zu Hause geblieben. Doch mit 15 schleppen ihre Eltern sie auf einen Urlaub nach Kenia mit. Dort kommt sie zum ersten Mal in Kontakt mit Afrikanern und „da ist meine Liebe zu Afrika entbrannt und hat mich nie wieder verlassen“. Aus heiterem Himmel und ohne wirklich zu wissen, was das bedeutet, sagt sie in diesem Urlaub zu ihren Eltern: „Ich werde mal Missionarin.“

Zwei Mobile medizinische Hilfe Wägen, die durch die Madagaskar Landschaft fahren

Der Start in Madagaskar – zwei Koffer und eine große Vision

Nach ihrer Ausbildung landet Tanja mit zwei Koffern und einem Dreijahresvertrag mit der schweizer „Helimission“ auf Madagaskar. Sie hilft der Organisation, die Lehrer, Ärzte und Missionare mit Helikoptern in entlegene Gebiete fliegt, bei der Büroarbeit. Für sie ist von Anfang an klar, dass sie bleibt: „Es war nie eine Frage, wieder nach Deutschland zu gehen, sondern es gab für mich nur die Frage: Wo fange ich an zu helfen?“

Die Geburt der „Mobilen Hilfe Madagaskar e.V.“

Als sie ihren Sohn Fanilo von der Straße aufnimmt und adoptiert, findet sie die Antwort auf diese Frage. Während des Adoptionsprozesses erfährt sie davon, dass einige Mütter auf Madagaskar ihre Babys aus Verzweiflung nach der Geburt auf Müllhalden zurücklassen. So wird die Idee des Hebammenmobils geboren. 2010 gründet Tanja mit Familie und Freunden aus Deutschland den Verein „Mobile Hilfe Madagaskar e.V.“, der die kostenlose medizinische Versorgung vor Ort sicherstellt. „Ich habe mit viel Glauben und ein bisschen Naivität einfach angefangen und gemerkt: Es funktioniert.“
Eine Helferin der mobilen medizinischen Arbeit untersucht ein Kleinkind in Madagaskar

„Wenn Gott will, blüht ein Besen.“ – Wachstum trotz Herausforderungen

Zu Beginn hatte die 47-Jährige ein kleines Team: einen Fahrer, einen Arzt, eine Hebamme und eine Bürohilfe. Seitdem ist das Projekt extrem gewachsen: Tanja hat inzwischen rund 150 Mitarbeiter. Mit ihnen betreibt sie nicht mehr nur das Hebammenmobil, sondern auch ein Zahnarztmobil, ein Gesundheitszentrum, ein Kinderzentrum, in dem die Kleinen mit von Tanja gesammeltem Spielzeug spielend lernen können und – das ist der größte Zugewinn – seit 2019 ein Krankenhaus. Für Tanja ist das ein Wunder. Denn bis heute ist all die Arbeit, die sie und ihre Mitarbeiter täglich leisten rein spendenfinanziert – Unterstützung erhalten sie weder von der madagassischen noch von der deutschen Regierung. Und permanente Spenden decken nur etwa 20 Prozent ihres Bedarfs. „Das wirft ein Licht darauf, dass wir wirklich total von Gottes Versorgung abhängen.“ Die Erinnerung daran ist heute außen auf die Klinik gemalt: „Wenn Gott will, blüht ein Besen.“ Ein Spruch, der auf einer Karte stand, die Tanja mit 15 bekommen hatte und der sich für sie seit ihrem Beschluss, Missionarin zu werden, immer wieder bewahrheitet hat.

Vom Hebammenmobil zum Krankenhaus: Ein Werk aus Gottes Versorgung

Die Arbeit von Tanja und ihrem Team ist heute aus der Region nicht mehr wegzudenken: Jährlich helfen sie, 450 Kinder auf die Welt zu bringen, und versorgen rund 30.000 Patienten – ob sie an einer Erkältung, einer Magen-Darm-Erkrankung leiden, einen Unfall gerade so überlebt haben oder Bluthochdruck haben, woran bereits viele junge Menschen wegen der schlechten und unausgewogenen Ernährung erkranken, wie Tanja erklärt. Genau da setzt die Frau, der scheinbar weder Kraft noch Ideen je ausgehen, an: Vor der Klinik gibt es nun einen Gemüsegarten, in dem bedürftige Menschen aus dem Ort arbeiten – statt eines Lohns können die Mitarbeiter, die sonst oft nur Reis essen, einen Teil der Ernte mit nach Hause nehmen. Krankheiten vorzubeugen, statt nur zu behandeln, das ist der Hebamme wichtig.

Anfangs war da viel Misstrauen und Angst.

Dass Tanjas Hilfe angenommen wurde, war nicht immer so: Anfangs hätten die madagassischen Frauen ihr misstraut, manche hätten Angst gehabt, dass sie sie entführen würde, wenn sie einmal ins Auto gestiegen wären, erzählt sie. Heute ist Tanja eine von ihnen – sie ist die einzige permanente europäische Mitarbeiterin im Team, sonst gibt es nur lokale Mitarbeiter – abgesehen von Freiwilligen, die für eine Zeit lang das Projekt unterstützen.

Bundesverdienstkreuz und weitere Ehrungen

Doch Tanjas Engagement wird nicht nur in Madagaskar wahrgenommen und wertgeschätzt. Für ihr Wirken erhielt sie in Deutschland Auszeichnungen: 2023 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen, 2018 erhielt sie den Preis der „Goldenen Bild der Frau“ und 2019 wurde sie nominiert für den „Deutschen Engagementpreis“. Doch die Frau, die so vieles auf die Beine gestellt hat, steht nicht gern im Rampenlicht. Vor dem Gespräch vergewissert sie sich, dass nur eine Tonaufzeichnung gemacht wird. Denn, wie sie gesteht, gibt sie eigentlich nicht so gern Interviews. Etwas von dem schüchternen 15-jährigen Mädchen scheint noch in der Powerfrau zu stecken. Und auch die Anerkennung für all ihr Wirken wiegelt sie bescheiden ab: „Ich alleine ohne mein Team hätte das niemals alles geschafft. Mir geht es darum, mit meinen Mitarbeitern hier gemeinsam die Welt ein bisschen schöner zu machen, es geht nicht um mich persönlich.“

Demut bedeutet, Geschenke weiterzugeben

Genau das bedeutet Demut für sie: Nicht selbst für das eigene Wissen und die Talente Kredit zu nehmen, sondern zu wissen, dass sie ein großes Geschenk sind, das Freude macht, zu teilen. Wie viel Freude sie selbst am Helfen hat, zeigt sich, als sie von ihren Patienten erzählt. Tanja wirkt während des ganzen Gesprächs ruhig und gefasst – man merkt ihr nicht an, wie viele Projekte sie gleichzeitig meistert.

Berührende Geschichten von Müttern und Kindern

Doch als sie von ihren Patienten spricht, kommen ihr die Tränen. Sie erzählt von einer Frau, an die sie sich noch genau erinnert: Es war schon dunkel, als es abends am Tor der Klinik klopfte. Davor stand eine hochschwangere Frau, die kein Kind mehr wollte und sagte: „Ich bekomme jetzt hier mein Kind und lasse es bei dir.“ In ihrer Not rief Tanja eine stillende Freundin an, die das Baby versorgte, bis sie es am nächsten Tag zu einer anderen Freundin ins Kinderheim bringen konnte.

Für Tanja eine von vielen Bestätigungen, dass sich all die gebrachten Opfer lohnen: „Ich darf dieses Mädchen jetzt bei Freunden in der Familie aufwachsen sehen und muss immer wieder denken, wie schön es ist, dass ihre Mutter nicht eine der Frauen war, die in ihrer Verzweiflung ihr Kind auf den Müll gelegt hat. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als zu wissen, dass man jeden Tag einen Unterschied macht in dem Leben der Menschen und Menschen Gutes tun kann. Da braucht es nicht viel mehr Motivation.“

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