Joachim Schoss im Portrait auf seinem Balkon.


 

 

Portal
der 
Hoffnung

Interview mit Scout24 - Gründer Joachim Schoss

Von
Jürgen Liminski

Bilder
Bernhard Spoettel
 

„Ich glaube an die Kraft der Liebe“: Wie ein Internet-Pionier Plattformen für das Leben schafft. Als Unternehmer war Joachim Schoss auf der Überholspur. Dann warf ihn ein Motorradunfall aus der Bahn. Er verlor Arm und Bein, aber nicht seine Hoffnung. Die schenkt er heute weiter. Ein Gespräch mit dem Online-Visionär,  dem Gründer von Scout24 und MyHandicap.

Er war jung und glaubte an das Netz. Das war Mitte der 1990er, als für viele die Möglichkeiten des Internets noch wie Zukunftsmusik klangen. Joachim Schoss, keine dreißig Jahre alt, sah die Grenzenlosigkeit des Mediums und wagte sich ins Offene. Er war ein Pionier des Netzes. „Nun“, sagt der heute Mittfünfziger mit relativierendem Unterton, „sagen wir mal Pionier in Deutschland. Das Internet war in Amerika ja schon einige Jahre zuvor stärker entwickelt worden.“ Es ist diese Kombination, die bei dem Menschen und Unternehmer Joachim Schoss auffällt: Bescheidene Gelassenheit und der Blick ins Grenzenlose, auf der Suche nach dem Machbaren. Er sah, dass man dank Internet jeden Kunden persönlich erreichen konnte, in kurzer Zeit und maßgeschneidert auf dessen Bedürfnisse. „Das versprach hohe Effizienz.“ So arbeite die Werbung heute im Netz. Der Visionär gründete Scout24, erst für Immobilien, dann für Autos. Es gab keine Vorbilder. „Die Helden des Internets waren damals ja noch alle Studenten“, sagt Schoss im Gespräch mit GRANDIOS.

Scout24 wurde ein Renner, viele interessierten sich für die aufstrebende Gruppe, die Hochfinanz fing Feuer. In jungen Jahren sehr erfolgreich zu sein, Millionen zu verdienen, das steigt manchen zu Kopf. Auch ihm? „Ich hatte durchaus das Gefühl, dass der Erfolg stark mit meiner Person zusammenhängt und ich war überzeugt: Was immer ich unternehmen würde, es würde gelingen“. 

Das Logo von Scout24

Auch das sieht er heute anders. „Es gibt Einflüsse von außen, die man nicht in der Hand hat, selbst wenn man alles bedacht hat.“ So spricht einer, der genau diesen Überfall des Schicksals erlebt hat. Auf dem Höhepunkt seiner rasanten Karriere, seines schnellen Laufs durch's Leben rammte ihn ein Auto auf einer Landstraße in Südafrika, er flog vom Motorrad, das rechte Bein wurde abgerissen, der Arm kugelte aus. Er verlor viel Blut, sehr viel. Die Operation dauerte sieben Stunden, die Nieren versagten, Embolie im Lungenflügel. Bei der OP musste auch der rechte Arm amputiert werden.

 

„A humbling experience“ – wie Erfahrung Demut lehrt

 

"Sie verloren mit einem Schlag die rechte Seite, Arm und Bein. Damit auch Mobilität, Bewegungsfreiheit, Handlungsfreiheit. Nicht wenige Menschen stürzen dann auch seelisch ab. Was hat Sie gehalten in dieser Zeit? Welche Hoffnung hat Sie noch beseelt?"

 

Joachim Schoss lehnt sich auf seinen Arm, kramt im Gedächtnis. "An jenem Unfalltag war ich der CEO von einem Unternehmen mit 5.000 Mitarbeitern und hielt alle Fäden in der Hand, was einem unweigerlich ein Gefühl von Macht und Bedeutung gibt. Am Tag nach dem Unfall, als ich auf der Intensivstation in Südafrika im Sterben lag, war alles anders. Da hätte mich fast eine der Putzfrauen ungewollt umgebracht, weil sie mit dem Wischmopp die Steckverbindungen für meine Dialyse rauszog - ich hatte ja totale Niereninsuffizienz. Die Verbindung war von einer Krankenschwester offensichtlich nicht fest genug zusammengeschraubt worden. Von dieser kurz zuvor empfundenen machtvollen Position in die totale Abhängigkeit des Überlebens von einer Krankenschwester und einer Putzfrau zu kommen, das war schon a humbling experience, wie die Amerikaner sagen. Da lernt man Demut. Was mir Hoffnung gemacht hat, ist mein Glaube, dass die Seele unsterblich ist und dass nur der Körper in Mitleidenschaft gezogen wurde. Natürlich war dieses Erlebnis extrem schmerzhaft, ja fast tödlich. Aber genau das hat enorm zur Weiterentwicklung meines Fühlens, Denkens und Hoffens beigetragen. Ich bin seither ein anderer Mensch."

„Es hat meinen Arm und mein Bein amputiert,
 aber meinen Unternehmergeist mit Sicherheit nicht.“

Joachim Schoss während des Interviews.

„Hatten Sie nicht das Gefühl, dass auch Ihr Geist, zumindest Ihr Unternehmergeist amputiert war?“

„Es hat meinen Arm und mein Bein amputiert, aber meinen Unternehmergeist mit Sicherheit nicht. Es hat mich vorsichtiger gemacht. Es hat mir diesen überheblichen Glauben genommen, dass ich alles managen könnte, was ich mir vornehme. Es hat mich seither Risiken anders einschätzen lassen“, sagt Schoss und fährt fort: „Es ist übrigens interessant zu sehen, dass die Eigenschaften, die Unternehmer erfolgreich machen, die gleichen sind wie bei Menschen, die mit großen Schicksalsschlägen klarkommen. Dazu gehört die Überzeugung, dass das Schicksal zum Teil auch in der eigenen Hand liegt. Man muss Lösungen suchen. Es geht nicht darum, die Schuld bei jemand anderem zu suchen, als Unternehmer nicht und auch als Unfallopfer nicht. Diejenigen, die im Krankenhaus liegen und sagen: ,Warum ich? Warum ist mir das passiert?', diese Menschen machen sich selber kaputt. Entscheidend ist die Frage: 'Wie komme ich aus dieser Situation raus?'“

Wassersport ist nicht mehr drin

Joachim Schoss schaut von der Terrasse seines Hauses auf den Zürcher See. Wassersport ist nicht mehr drin. Jetzt surft er für andere im Netz. „Als ich im Krankenhaus wieder sitzen konnte, nach drei bis vier Monaten, hab ich mir einen Internetanschluss legen lassen und angefangen zu surfen: Amputation, Behinderung, Prothesen usw. – aber es gab nichts. Im Jahr 2003 gab es für Menschen mit Behinderung nichts im Internet. Das erschien mir völlig absurd, denn das Internet ist gerade für Menschen mit Behinderung eine fantastische Informationsquelle, um auch mit Mobilitätseinschränkungen weiter gut am Leben teilnehmen zu können. Insofern war es klar, dass die Welt, die ja schon seit einigen Jahren Portale für Menschen ohne Behinderung hatte, dringend ein Portal für Menschen mit Behinderung brauchte. Wir haben dann angefangen das aufzubauen.“

Das Logo der Internetplattform "MyHandicap"

„Dann entstand MyHandicap, das Portal für Behinderte, auf der Suche nach Lösungen?“, will GRANDIOS wissen.

Wieder denkt Joachim Schoss kurz nach, nestelt an der Kaffeetasse, den Gesprächspartner im Blick. „Es ist gewiss ein unternehmerischer Gedanke, sich zu fragen: 'Was muss ich tun, um meine Lage zu verbessern?' Ein weiteres Element, die seelische Not zu verringern, ist die Überzeugung, dass man sein Ziel auch erreichen kann. Mein erstes Ziel war, wieder auf die Beine zu kommen, im wahrsten Sinn des Wortes.“ Pause. Schoss greift nach dem Wasserglas, nippt und fährt mit einem Anflug lebensfrohen Lächelns fort: „Grundsätzlich muss ich sicherlich sagen, dass es auch als Unternehmer immer mein Ansatz war, dass wir nicht hier sind, damit es uns möglichst gut geht. Ich glaube nicht, dass wir hier auf die Erde gekommen sind, um ein einfaches, nettes Leben zu haben, in dem alles gut läuft. Nein, ich glaube, wir sind hier, um uns mit Herausforderungen auseinanderzusetzen. Ein Freund hat mir damals gesagt: ,Der liebe Gott gibt dir genau die Herausforderung, mit der du klar kommen kannst.’ Das hört sich vielleicht verrückt an“, sagt Joachim Schoss wie zu sich selbst. „Damals hab ich mir gesagt: 'Wow, das ist jetzt wirklich eine große Herausforderung, größer als alle anderen, die ich bisher in meinem Leben hatte', und jetzt ging es darum, diese Herausforderung zu meistern und nicht einfach aufzugeben.“

Die Herausforderung war nicht nur seine eigene Situation. „Es war auch die aller Behinderten. Und das ist kein Klientel wie andere.“ Er habe damals kurz den Gedanken erwogen, aus dem Portal ein Unternehmen zu machen – mit Werbung und Geldschranken. Diesen Gedanken verwarf er aber wieder. MyHandicap wurde eine Stiftung. „Wenn man wirklich etwas für Menschen mit Behinderung tun will und nicht für die Industrie, die Geld an Menschen mit Behinderung verdient, dann war es klar, dass das Portal als Informationsmedium für Behinderte dienen sollte, um die Behinderung zu minimieren, und nicht, um möglichst viel Umsatz für die Behindertenindustrie zu generieren. Behinderte sollen möglichst schnell und möglichst gut wieder zurück ins alte Leben kommen, so wie das mein eigener Wunsch war. Sie sollen wieder Hoffnung haben“, sagt der Unternehmer mit Leib und Seele. „Sie sollen ihren Alltag besser gestalten können und möglichst schnell und gut wieder in das normale Leben reintegriert werden, im Beruf, in der Schule, im Sport, in der Gesellschaft, überall.“ Das sei „auch der Trend der letzten zehn Jahre und in der UN-Behindertenrechtskonvention zum Standard geworden. Es geht um Inklusion und nicht um bestmögliche Ver­sorgung außerhalb der Gesellschaft.“

MyHandicap.com – eine Hoffnungsplattform für Millionen

Das Portal MyHandicap verzeichnet mehrere Millionen Besucher im Jahr, was bei der Größe der Zielgruppe, etwa zehn Prozent der Bevölkerung, ein Erfolg ist. Joachim Schoss hofft auf mehr: „Aus unternehmerischer Sicht kann alles immer noch besser gehen. Die Ambition ist, das Projekt weltweit auszurollen, aber die Kosten sind sehr hoch und es wird immer noch sehr stark von mir selbst subventioniert, sodass ich mir nicht mehr leisten kann, als die Länder Deutschland und Schweiz zu betreiben. Wir sind nach wie vor auf der Suche nach Investoren, Stiftern, Spenden und nach Menschen, die Interesse haben, das in andere Sprachregionen einzubringen. Wir stellen den Content gerne kostenfrei zur Verfügung, wir haben zigtausend Seiten guten Content gesammelt, aber im Wesentlichen auf Deutsch und Französisch.“ Ein Sponsor habe die Übersetzungen ins Französische ermöglicht und „diese französische Website, eigentlich mal gedacht für 1,5 Millionen Westschweizer, hat inzwischen in der ganzen französischen Sprachregion, bis nach Kanada, Afrika und Frankreich großen Anklang gefunden.“ Anklang heißt: Joachim Schoss schafft eine Hoffnungsplattform für Millionen.

„Einmal musste ich die Hose runterlassen, um zu beweisen,
 dass ich ein Bein amputiert habe.“

Joachim Schoss im Interview.

Er geht auch selbst zu den Hoffnungsarmen, „zu Menschen ins Krankenhaus, die zum Beispiel ein Bein verloren haben. Einmal musste ich bei so einem Besuch die Hose runterlassen, um zu beweisen, dass ich ein Bein amputiert habe, weil derjenige, dem das gerade drei Tage vorher passiert war, nicht glauben konnte, dass man so fröhlich und auf einem Bein plus Prothese ganz normal in das Krankenzimmer kommen kann.“ Was er damit erreichen wolle? „Mut machen und die Hoffnung geben, dass man das schaffen kann und nicht den Kopf in den Sand stecken muss, weil man ein Bein verloren hat, im Rollstuhl sitzt, oder ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat oder was auch immer. Dass man ein paar Jahre später wieder mitten im Leben stehen kann, wieder lieben und lachen kann, auch mit einer solchen Behinderung oder mit einem solchen Schicksalsschlag“, betont Schoss. „Ich glaube nicht, je im Leben irgendetwas Befriedigenderes getan zu haben, als diese Besuche zu machen. Wenn man das Gefühl hat: Hey, da ist der Funke übergesprungen, der hat Hoffnung bekommen durch deinen Besuch, das ist ein wirklich unglaublich schönes Gefühl.“

Das Thema Hoffnung ist für Joachim Schoss konkrete Aufgabe. Damit steht er zwischen dem Atheisten Ernst Bloch, der das geflügelte Wort vom Prinzip Hoffnung in die literarisch-philosophische Welt setzte, und Benedikt XVI., der Hoffnung immer im Zusammenhang mit der Sinnfrage des Lebens, mit dem Weg des Menschen, seinem viatorischen Dasein sah. Ist Hoffnung für den Visionär Schoss ein Kampfbegriff nach dem Motto „Jetzt erst recht“, ist es ein Suchen nach Sinn? Die Antwort kommt so schnell, dass sie das viele Nachdenken darüber verrät: „Ein Kampfbegriff ist Hoffnung sicherlich nicht. Hoffnung ist Haltung, Hoffnung ist der Glaube, dass am Ende die Dinge gut gehen und man vielleicht auch selber Einfluss nehmen kann auf den Gang der Welt und zwar nicht nur seiner eigenen Welt.“

„Hat Hoffnung nicht zu tun mit Erfolg, Geld, Profit, Ansehen?“

Darauf Schoss: „Ich glaube, all das hat keinen direkten Bezug zur Hoffnung. Man kann Hoffnung haben ohne all diese Dinge. Aber natürlich verbinden viele Menschen ihre Hoffnung mit was auch immer. Ansehen, Geld, Macht und und und. Aber eine viel größere Rolle spielt die Liebe. Ich glaube an Gott, an diese übergeordnete Instanz, die uns leitet. Ich glaube sehr an die Liebe, an die Kraft der Liebe und die Kraft der Hoffnung.“

„Liebe ist der letzte Grund der Hoffnung“

Joachim Schoss in seiner Wohnung im Portrait.

Joachim Schoss

Auf dem Tisch im Wohnzimmer der Familie Schoss liegt ein Bildband des dreijährigen Sohnes. Bilder der anderen vier Kinder, seiner anmutig-schönen Frau und der Hochzeit gewähren nicht nur einen Blick auf den Familienmenschen- sie illustrieren Zukunft. Sie verkörpern Hoffnung – jenseits der Technologie der Zukunft, die auch Angst machen kann, Stichwort künstliche Intelligenz. Denn Personen stehen für Liebe. Sie stehen für Menschlichkeit. Technologie steht für Funktionieren, sie schafft Abhängigkeit, weiß der Internet-Pionier Joachim Schoss. Liebe aber befreit. Sie ist der letzte Grund der Hoffnung. „Die zwischenmenschlichen Kompetenzen, die Gefühle, das Mitgefühl, ich glaube auch die Kreativität, ist dem Menschen vorbehalten. Das wird auch die Zeit der totalen Technologisierung überleben.“

Joachim Schoss im Portrait.

Video: Joachim Schoss über Anfänge, Zukunft und Menschlichkeit im Netz

Video: Joachim Schoss über Scout24

Joachim Schoss im Interview

Video: Unternehmergeist und MyHandicap.com

Joachim Schoss im Interview

Video: Joachim Schoss zum Thema Hoffnung

Joachim Schoss im Interview

Video: Joachim Schoss spricht über Tugenden, Liebe und Hoffnung

Joachim Schoss im Interview

Video: Joachim Schoss über die Bedeutung von Inspiration und Hoffnung

Joachim Schoss im Interview

Video: Joachim Schoss - Mut- und Hoffnungsmacher

Joachim Schoss im Interview

Video: ganzes Interview mit Joachim Schoss

Joachim Schoss im Interview

Joachim Schoss, Scout24-Gründer

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