- Autor: Tobias Liminski
- Fotos: Bernhard Spoettel
Beziehung in der Politik – Johannes Winkel über Macht, Vertrauen und Verantwortung
Zwischen Debatten, Konkurrenz und echter Freundschaft: Wie sieht Beziehung in der Politik aus? Und wie prägt Politik Beziehungen? Wir haben in Berlin mit Johannes Winkel, dem Bundesvorsitzenden der Jungen Union, gesprochen – über Macht, die Gestaltungsraum gibt, aber kein Selbstzweck werden darf, eine Gesellschaft, die abseits der Fußballstadien immer weiter auseinanderdriftet, Politik, die wieder nach vorne schauen muss und das, was man am Küchentisch fürs Leben lernt.
GRANDIOS: Lieber Herr Winkel, zunächst ganz persönlich: Was bedeutet für Sie Beziehung?
Johannes Winkel:
Ich denke, es gibt zwei Punkte. Einmal kann man eine Beziehung über die Quantität herstellen, indem man sehr viel mit Leuten zusammenarbeitet. Das trifft hier im Bundestag auf viele zu. Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die man vielleicht nur einmal im Jahr sieht, zu denen man aber trotzdem eine enge persönliche Beziehung hat, die fortbesteht, weil man sie sehr schätzt oder mit ihnen gemeinsam tiefe Erfahrungen geteilt hat.
Welche Beziehungen sind Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig und bei welcher davon würden Sie vielleicht sogar sagen: Das ist die Beziehung Ihres Lebens?
Die Beziehung meines Lebens ist natürlich die zu meiner Frau, das ist die tiefgreifendste. Aber ich würde auch sagen, die zu meiner Familie – ich habe zwei ältere Schwestern – ist eine sehr enge Beziehung und wir halten das nach wie vor hoch. Auch die Beziehung zu meinen Eltern, die uns, glaube ich, viel mitgegeben haben, nicht nur uns drei leiblichen Kindern, auch den drei Pflegekindern, die wir in der Familie hatten.
Wer geht noch ans Telefon, wenn ich morgen kein Amt mehr habe?
Johannes Winkel
Als Politiker ist für mich der Freundeskreis außerhalb der Politik unglaublich wichtig, weil man sich die Frage stellt: Wer geht noch ans Telefon, wenn ich morgen kein Amt mehr habe, weil ich irgendeinen Fehler gemacht habe? Das kann ja alles schnell gehen und da bin ich mir sicher, dass es den Leuten in meinem Freundeskreis nicht egal ist, ob ich ein politisches Amt habe, aber dass das für sie vielleicht zweite oder dritte Priorität hat. Deswegen fühle ich mich da mit einem guten Fundament versehen.
Drei leibliche und drei Pflegegeschwister: Das ist eine besondere Familienkonstellation. Was hat die Beziehungen in Ihrer Familie besonders geprägt, was zeichnet sie heute noch aus?
In der Kindheit entsteht auch Reibung, das gehört dazu. Aber dass es verschiedene Meinungen gibt und man die irgendwie aushalten und austarieren muss, das bereitet einen gut auf das Leben vor. Deswegen schätze ich es im Nachhinein total wert, dass wir viele Kinder waren. Es geht ja nicht immer nur geradeaus und alles ist perfekt; manchmal muss man sich durchsetzen, manchmal muss man nachgeben. Das lernt man in der Familie am Küchentisch sehr gut.
Und ich würde sagen, dass wir bei uns in der familiären Umgebung, auch wenn man sich manchmal vielleicht ein paar Monate nicht sieht, alle wissen, dass man sich zu 100 Prozent aufeinander verlassen kann. Das ist für mich sehr wichtig.
Es gehört zum Leben dazu, Verantwortung für andere zu übernehmen
Johannes Winkel
Wie haben Ihre Eltern es geschafft, dass ihre vielen Kinder all diese „Reibungen“ als Erwachsene schließlich selbst gut managen können?
Erstmal durch einen großen persönlichen Einsatz. Aber ich glaube, sie haben es auch dadurch geschafft, dass sie uns stark vermittelt haben, dass es zum Leben dazugehört, Verantwortung für andere zu übernehmen. Bei uns war das Thema Ehrenamt eine Selbstverständlichkeit. Ich habe erst sehr spät begriffen, dass es nicht normal ist, zu arbeiten, ohne dafür finanziell entlohnt zu werden. Ehrenamtliche Verantwortung für andere, für die Gesellschaft zu übernehmen, wurde bei uns großgeschrieben, ohne es ausdrücklich zu sagen. Es wurde einfach gemacht. Und ich glaube, davon haben wir eine Menge lernen können. Wahrscheinlich hat mich in meiner Denkweise, auch politisch, am meisten meine Mutter beeinflusst, weil sie immer sehr auf einen sozialen Ausgleich zwischen verschiedenen Gruppen gesetzt hat.
Was kann die Politik tun, damit Menschen wieder mehr in Beziehung treten?
Ich halte generell die Frage für wahnsinnig wichtig: Wo trifft man sich eigentlich in der Gesellschaft? Wer trifft sich wo? Ich komme aus einer sehr kleinen Stadt, Kreuztal, 30.000 Einwohner. Da gab es zum Beispiel nur ein Schulzentrum, da waren Realschule, Gymnasium, Gesamtschule zusammen. Mir ist erst aufgefallen, wie unterschiedlich unsere Gesellschaft ist und wie abgeschottet voneinander verschiedene gesellschaftliche Schichten teilweise leben, als ich studieren gegangen bin, unter anderem in Bonn. Diese Perspektive hatte ich in der Kleinstadt gar nicht – was für einen unfassbaren Unterschied es macht, in welchem Stadtteil man zufälligerweise aufwächst. Das ist manchmal wirklich, als ob man in zwei verschiedenen Welten lebt, obwohl es nur zwei, drei Kilometer Luftlinie sind. Das finde ich eine schwierige Tendenz, denn es hat Deutschland meiner Meinung nach immer ausgezeichnet, dass es eine starke Mitte gibt und dass diese Mitte möglichst breit ist.
Wie kann man das lösen? Es ist schwierig. Einer der wenigen Orte, an denen man sich gesellschaftsschichtübergreifend noch trifft, ist das Fußballstadion, aber ansonsten gibt es gar nicht so viele. Was ich zumindest für eine erwägenswerte Idee halte, ist die dänische Herangehensweise in der Bildungspolitik, dass man sagt, es gibt für jede Schule eine Quote von Menschen mit Migrationshintergrund. In Deutschland ist es mittlerweile teilweise so, dass es Schulen mit 95 Prozent und Schulen mit fünf Prozent Migrationshintergrund gibt. Das sollte man versuchen, ein Stück weit aufzulösen, sonst werden wir insbesondere den Kindern, die in problembehafteten Stadtvierteln aufwachsen und dort Bildungseinrichtungen besuchen, nicht gerecht.
Wir müssen in Deutschland wieder lernen, stärker in die Zukunft zu investieren.
Johannes Winkel
Stichwort Bildung: Auch das ist eine Aufgabe der Politik…
Ja, absolut. Man kann das Setzen politischer Prioritäten am Ende des Tages an nichts besser ablesen als am Haushalt. Alle Sonntagsreden treten in den Schatten gegenüber den nackten Zahlen. Wenn ich sehe, wie viel wir im Bund beispielsweise für den Bereich Arbeit und Soziales ausgeben und wie wenig für den Bereich Bildung, macht mir das große Sorgen. Ich glaube, wir müssen in Deutschland wieder lernen, stärker Richtung Zukunft zu denken und in die Zukunft zu investieren. Die Politik braucht den Mut, sich wieder Zukunftsthemen auf die Fahne zu schreiben, auch wenn die Mehrheit der Wähler mittlerweile in einem fortgeschrittenen Alter ist. Ich kann übrigens diese Furcht der Politik vor den „Boomern“ nicht nachvollziehen, denn meinen Großeltern jedenfalls ging es einfach nur darum, dass es ihren Enkelkindern gut geht und ich glaube, so geht es vielen Menschen.
Sie sind in jüngster Vergangenheit in den Medien bekannt geworden als der „Renten-Rebell“, der zusammen mit weiteren jungen CDU/CSU-Abgeordneten gegen aktuelle Rentenpakete der Regierung rebellierte. Sie forderten strukturelle Reformen statt hoher Ausgaben, um die finanzielle Belastung für jüngere Generationen zu senken und das System nachhaltig zu stabilisieren. Was hat das mit Ihnen persönlich gemacht, dieses Attribut, das erst einmal ja nichts Positives ist?
Ich weiß gar nicht, ob das so negativ konnotiert war. Es war ja sozusagen eine Rebellion gegen den Stillstand in Deutschland, und insofern finde ich das gar nicht so schlimm, sie anzuführen. Was das Wording „Renten-Rebell“ anbelangt, kann man sich die Frage stellen, ob diejenigen die Renten-Rebellen sind, die etwas ändern und das Land auf den demografischen Wandel vorbereiten wollen, oder ob nicht in Wahrheit diejenigen die Renten-Rebellen sind, die sagen: „Wir segeln im Blindflug weiter“. Mir persönlich hat das Wort nicht so viel ausgemacht. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass das genau die richtige Debatte war und dass wir da keinen Fehler gemacht haben.
Politik ist ein knallhartes Geschäft. Das Bonmot „Feind, Todfeind, Parteifreund“ beschreibt eine bittere Beziehungsdynamik, Konkurrenz als Gefahr. Gibt es angesichts von Neid und Machtkämpfen innerhalb der eigenen Partei sowie mit dem politischen Gegner auch Raum für ehrliche zwischenmenschliche Beziehungen in der Politik? Auch parteiübergreifend?
Ja, absolut. Auch innerhalb der eigenen Partei. Ich habe auch in der Politik Freunde gefunden. Natürlich ist das hier eine harte Konkurrenz, das ist gar keine Frage in der Bundespolitik. Aber ich finde nicht, dass das schlimmer ist als eine Konkurrenz im Unternehmen, im Sport oder sonst wo. Das Besondere hierbei ist die öffentliche Wahrnehmung, dass die Debatte, die man im Unternehmen wahrscheinlich intern führt, hier stark medial begleitet wird. Aber auch da ist es wichtig, dass man Dinge nicht persönlich nimmt. Wenn man das einmal geschafft hat, dann kann man auch mit dem Konkurrenzdruck ganz gut umgehen. Schwierig ist es insbesondere dann, wenn das komplette Leben und der Freundeskreis nur aus Politik besteht und alles, der gesamte Mensch nur von einem Amt abhängt.
Es geht mir nicht um eine Position, um eine Position zu bekleiden, sondern um aus der Position Entscheidungen treffen zu können.
Johannes Winkel
Was treibt Sie persönlich an, politisch aktiv und Vorsitzender der Jungen Union zu sein? Dabei muss man auch viele Beziehungen pflegen, Leute zusammenhalten. Woraus schöpfen Sie dafür Kraft?
Mir geht es in der Politik erst einmal um Entscheidungen. Ich will nicht sagen, dass es mir nicht um Macht oder eine Position ginge, natürlich, aber wozu eben? Es geht mir nicht um eine Position, um sie zu bekleiden, sondern um aus ihr heraus Entscheidungen treffen zu können. Macht ist immer Voraussetzung, um Entscheidungen zu treffen. Aber Macht darf nie zum Selbstzweck werden. Das war bei mir immer felsenfest klar und, glaube ich, ein bisschen auch der Grund, warum es in der Jungen Union bei mir sehr gut funktioniert hat. Die Leute wissen, dass ich eine feste innere Überzeugung habe für bestimmte Themen, diese dann auch durchzusetzen versuche und selbst wenn es einmal nicht klappt, nicht im entscheidenden Moment die Seiten wechsle. Dann ist es halt eine Niederlage, aber ich bleibe bei meiner Meinung und versuche es in der nächsten Debatte, wenn das Thema wieder aufkommt, klüger zu machen, um mehr Menschen davon zu überzeugen. Ich finde, aus dieser intrinsischen Motivation kann man wahnsinnig viel Kraft ziehen. Und daraus leitet sich dann auch der Gestaltungsanspruch ab.
Welche Rolle spielt der Glaube für Sie, in der Arbeit, aber auch im persönlichen Leben?
Ich bin damit aufgewachsen, habe auch mal eine Zeit gehabt, in der ich ein Stück weit gezweifelt habe, was vielleicht auch normal ist. Aber der Glaube hat immer eine große Rolle gespielt und spielt mit zunehmender Zeit eine immer größere, weil ich finde, man braucht einen Ankerpunkt und ein Fundament, auf das man sich verlassen kann.
Es muss auch Momente geben, in denen man mit Gott alleine ist.
Johannes Winkel
Ich glaube, er hilft auch ganz konkret, selbst den stressigsten Job irgendwann einmal abhaken zu können. Ich nehme nicht immer alles mit nach Hause und trage nicht alles 24/7 mit mir herum. Das passiert natürlich auch mal. Aber es muss auch Momente geben, in denen man mit Gott alleine ist. Das ist bei mir, wenn ich entweder sonntags in den Gottesdienst gehe oder mich auch mal alleine in den Andachtsraum im Reichstag setze, wo man einfach mal ein bisschen für sich überlegen kann.
Die Politik hat wie fast überall einen Mangel an weiblichem Nachwuchs. Was würden Sie jungen Menschen, insbesondere jungen Frauen, mit auf den Weg geben wollen? Warum lohnt es sich, einen Job, wie Sie ihn haben, zu machen?
Am Ende des Tages ist die Frage: Will man die Regeln, an die sich alle halten müssen, einfach so hinnehmen oder will man sie selbst mitgestalten? Ich würde sagen, Letzteres ist die klügere Entscheidung. Und zum Thema „klüger“: Die meisten Frauen sind klüger als Männer und insofern sollte man auch keine Angst haben, das mal zu testen in einer Partei oder Abstimmung.
Danke, lieber Herr Winkel, für diese Einblicke in Ihre Arbeit und Ihr Leben!
Gerne.
- Redaktionelle Mitarbeit: Annalia Machuy



