Lebenslage Beziehungskisten

Wie Bücher Jahrtausende überbrücken und uns prägen.

Bücher können unbeachtet im Regal verstauben. Aber sie können auch Beziehungen schenken, die Jahrtausende mühelos überbrücken und für Jahrzehnte prägen. Auch durch Filme formen sich Beziehungen des Lebens.

Bücher sind Lebensmittel. Sie nähren unseren Geist und unsere Seele, so wie Spaghetti, Salat und Steak unseren Körper nähren. Und wie wir körperlich auf eine ausgewogene Ernährung achten und Mangelernährung ebenso wie Fettleibigkeit vermeiden wollen, so auch in der geistig-seelischen Ernährung. Wer immer nur Betriebsanleitungen und das Kleingedruckte in Versicherungsverträgen liest, tut seinem Hirn jedenfalls keinen Gefallen. Immer nur Liebesromane oder seichte Krimis zu lesen, ist aber auch keine Lösung. Unser Gehirn ist ein Muskel, der trainiert werden will. Also nehmen wir doch nochmals den alten, verstaubten Goethe aus dem Bücherregal oder den Aristoteles-Band, den unsere Besucher immer heimlich bestaunen. Oder doch lieber die voluminöse Churchill-Biografie und die Memoiren von Helmut Kohl?

Bücher sprechen zu uns - wir müssen sie nur hören wollen

Die Bücherkiste ist eine Beziehungskiste. Ach, herrje, der Umzug in ein deutlich kleineres Büro vor ein paar Jahren hat mich weit weniger geschmerzt als das Aussortieren der Bücher. Immerhin musste eine vierstellige Zahl weg- und weitergegeben werden, da heißt es, jedes Buch einzeln in die Hand zu nehmen. Wie stolpert man da über seine eigene Vergangenheit! So manches Buch, das – jahrelang vergessen – einst der Türöffner war in andere Lande, in vergangene oder kommende oder bloß erdachte. Dass man diesen Band und jenes Standardwerk seit Jahren nicht aufgeschlagen hat, heißt nicht, dass man nicht in der fernen Pension gierig danach greifen würde.

In einer Bibliothek hat jedes Buch seinen Platz, und doch kommen immer neue dazu – eine dynamische Ordnung oder geordnete Dynamik, je nachdem. Ein falsch eingeordnetes Buch kann für immer verloren sein, aber wer eine Bibliothek nach Farben oder Größe ordnet, ist gewiss kein Lesender. Und die Idee, eine Bibliothek jemals final geordnet zu haben, hat etwas erschreckend Morbides. Eine Bibliothek ist etwas Lebendiges, denn die Bücher sprechen zu uns – wir müssen sie nur hören wollen!

Wären Sie ohne Ihr erstes Buch, Ihr erstes Comic, Ihren ersten Film so, wie Sie heute sind?

Erinnern Sie sich noch an die Bücher Ihrer Kindertage? Egal, ob Sie jetzt an Wilhelm Buschs „Max und Moritz“, an einen ganz bestimmten Asterix-Band, an den kleinen Kinderkatechismus mit den wuchtig-eindrucksstarken Bildern, an einen Bildband über Dinosaurier oder an „Hanni und Nanni“ denken: Vielleicht spüren Sie jetzt auch in der Nase den feinen Geruch der heimischen Brotzeit von damals oder der großmütterlichen Stube, in der Sie ungestört von den Eltern schmökern durften? Die Bücher der frühen Jahre sind eine Kindheitserinnerung wie der Duft der Frühlingswiese, die aufgeschürften Knie und das erste Eis im Frühsommer. Und Hand aufs Herz: Wären Sie ohne Ihr erstes Buch, Ihr erstes Comic, Ihren ersten Film so, wie Sie heute sind? Noch persönlicher gefragt: Hat „Asterix in Spanien“ auch Ihr Spanien-Verständnis geprägt? Und Winnetou (Band 1 bis 3) Ihr Bild von Amerikas Wildem Westen?

Bücher bauen eine Beziehung zu uns auf – nicht nur umgekehrt. Ja, vieles vergessen wir, manches schnell und anderes im Laufe der Jahre, aber wir können unserem Gedächtnis nicht befehlen, etwas zu vergessen. Ich gestehe: Lange bevor ich Pierre Brice und Lex Barker blutsbrüderlich über die Leinwand reiten sah, hatte ich ein ziemlich genaues Bild von Winnetou und Old Shatterhand, von ihren Abenteuern und ihren Gegnern. Karl May und die blühende Phantasie eines damals Neun- oder Zehnjährigen haben Bilder entstehen lassen, die blieben. Irgendwie ritten wir gemeinsam durch die Prärie, wurden von Santer attackiert und retteten uns wechselseitig das Leben. Eingebrannt haben sich ins kindliche Gedächtnis nicht nur die Charaktere und ihr Schicksal, sondern auch die Orte, an denen ich las, ja selbst die Kirschen des Nachbarn, die ich mit meinem Freund Olli in einer durchlesenen Nacht verputzte.

Und dann das formgebende Jahrzehnt unserer Jugend: Menschen, die damals in Tolkiens „Herr der Ringe“ versanken, wittern Gleichgesinnte auch Jahrzehnte später noch von ferne. Gedankenwelten, in denen man versinken konnte, prägen für den Rest des Lebens. Bücher haben eine solche Prägekraft, gerade weil sie – anders als Zeitungen, Fernsehen, Radio und Social Media – nicht den Charakter des Schnellen, aber Flüchtigen haben. Bücher sind nicht tagesaktuell, sondern beständig. Und so sollen sie auch sein! Für alles andere haben wir das blinkende Gerät, zu dem wir täglich öfter greifen als zum Wasserhahn.

„Das Boot“, „James Bond“ und immer wieder spielt das Lied vom Tod

Bücher nehmen uns an der Hand, um uns ins Reich des Selberdenkens zu führen. Darum sollten sie keine Verführer sein, sondern Weggefährten und Wegweiser. (Und nur, weil ich oben meinen Umzug erwähnt habe: Ja, das war ein Kriterium beim Weiter- und noch mehr beim Weggeben von Büchern: Hinfort mit dem Kurzatmigen, mit den verführerischen Thesen von Vorgestern, dem Flüchtigen und Nichtigen!) Waren es nicht Bücher, die uns einst die Kraft gaben, die Widrigkeiten des Alltags zu überstehen? Oder die Munition für den Alltagskrieg in der Schule? Oder die Fluchttür aus der Tristesse der Pubertät, ähnlich dem legendären Wandschrank von C.S. Lewis, der Lucy nach Narnia führte?

Ja, auch Filme können so wirken, können uns in fremde Welten entführen, uns bereichern und erheben, uns unterhalten und bilden. Auch durch Filme formen sich Beziehungen des Lebens: einerseits zwischen uns als Betrachter und den schicksalsträchtigen Gestalten des Films, andererseits in einer Community ganz spezifischer Film-Fans. Als es zweistellig wurde, habe ich aufgehört zu zählen, wie oft ich „Spiel mir das Lied vom Tod“ gesehen habe, natürlich immer im Kino, stets in irgendeiner Szene noch Neues im Altvertrauten entdeckend, still so manchen Dialog mitsprechend. Anderen geht es so mit „Das Boot“, mit den James-Bond-Filmen oder mit den bereits erwähnten monumentalen Epen von J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis. Wer hier einzutauchen weiß, taucht mit einem Schatz wieder auf im eigenen Leben. Diese Erfahrung verbindet – mit dem jeweiligen Film und seinen Akteuren, aber auch mit jenen, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben.

Doch bei aller Schönheit und Authentizität des Films hat das Buch einen bleibenderen, zeitloseren Charakter. Selten sind Filme, die jedem Zeitgeschmack enthoben scheinen und auch noch zwei Generationen später faszinieren – Klassiker wie „Casablanca“ (1942) mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman oder „Quo vadis“ (1951). Und selbstverständlich werden Jahr um Jahr zehntausende Bücher verlegt, die bereits bei Erscheinen ein nahes Ablaufdatum zu tragen scheinen. Dennoch bestätigen viele, die ein gutes Buch gelesen und nachher eine gute Verfilmung desselben gesehen haben, dass sie irgendwie enttäuscht waren, weil die eigene Phantasie immer näher und oft reicher ist als die fremde, oder weil Literatur nicht verlustfrei in Bewegtbilder zu packen ist.

Mit Platon im Park und Dracula beißt Dante

Ob wir Tolkiens „Der Herr der Ringe“ oder Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ lesen, ob wir in Dostojewskis, Franz Werfels oder Karl Mays Werken lesen: Es entsteht eine Beziehung des Lebens – mit den fiktiven Protagonisten wie mit den realen Autoren. Dass die Autoren schon lange gestorben sind, hindert uns nicht daran, eine tiefinnerliche Beziehung zu ihnen aufzubauen und – manchmal für eine Lebensphase, mitunter darüber hinaus – zu pflegen. Wenn etwas wahr ist, das Aristoteles geschrieben oder Jesus gesagt hat, dann spricht es uns quer durch die Jahrtausende noch heute an. Indem wir über früher Gedachtes nachdenken, wird der damalige Denker uns gegenwärtig und vertraut.

Das unterscheidet den Menschen wesentlich vom Tier: Auch der Hund ist ein Beziehungswesen, das im besten Fall seine Eltern und seine Welpen, das eigene Herrchen oder Frauchen und die Hunde und Katzen der Nachbarschaft kennt. Wir Menschen jedoch werden zu Zeitgenossen längst verstorbener Geistesgrößen, Literaten und Denker, wenn wir ihre Werke zur Hand nehmen und uns auf ihre Geistes- oder Phantasiewelt einlassen. Die literarische oder intellektuelle Qualität eines Buchs mag dieses Eintauchen erleichtern oder erschweren, doch letztlich können wir uns Bram Stokers „Dracula“ ebenso gegenwärtig setzen wie Dantes „Göttliche Komödie“. Wir können die Gedanken von Platon, Thomas von Aquin oder Kant unvermittelt und unmittelbar nachdenken. Und wir bleiben dabei souverän, mit einem dieser Denker durch den Park zu schlendern, aufs Meer hinauszublicken – und jedenfalls im Dialog zu bleiben. Fast jedenfalls, denn manchmal packt uns ein fremder Gedanke oder eine fremde Formulierung – und lässt uns einfach nicht mehr los.

Nein, keiner von uns kann alles Lesenswerte lesen oder alles Wissenswerte wissen. Da waren die beeindruckenden Bibliotheken der Antike (etwa die 30.000 Tontafeln von König Assurbanipal in Ninive oder die Bibliothek von Alexandria) und die Lexika der Neuzeit (etwa die Encyclopaedia Britannica) besser – von der Künstlichen Intelligenz unserer Tage ganz zu schweigen. Aber wir können Bücher als geronnene Erfahrung und Erkenntnis wertschätzen und dabei selbst entscheiden, von wessen Weisheit oder Sprachkunst wir uns inspirieren, begleiten und verändern lassen. Denn anders als im Schul- oder Arbeitsalltag haben wir bei unseren Büchern und Filmen jederzeit die Wahl. Wir entscheiden selbst, wer durch sie in unser Leben treten und mit uns eine lebendige Beziehung eingehen darf.

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