Orte der Freiheit

geschätzte Lesedauer: 5 Minuten

Autorin
Stefanie von Stechow

Fotografie
Uwe Mossburger

Verschwommener Blick auf eine Schnellstraße, auf der gerade ein Auto vorbeifährt. Im Vordergrund ist ein Verkehrszeichen für unbeschränkte Geschwindigkeit zu sehen.

Schnelle
Freiheit

International bestaunt und berüchtigt sind sie ein letzter Rest unbeschränkter Freiheit auf Rädern: Straßenabschnitte ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Sie lassen dem Eiligen freie Fahrt und dem PS-Enthusiasten die Entscheidungsfreiheit.
Eine große deutsche Tageszeitung meinte kürzlich, sie gewährten auch demjenigen noch ein Stück Freiheit, der sonst nichts zu sagen habe.
Aber auch nur, wo nicht gerade neue, unfallträchtige Abschnitte oder Baustellen dazwischen kommen.

Dennoch: Auch freie Fahrt heißt nicht freies Rasen. Die meisten lebensgefährlichen Unfälle passieren auf Landstraßen – wo immer Tempolimit herrscht.

Ein Gleitschirmflieger über einem See.

Grenzenlose
Freiheit

„Eigentlich will doch jeder Mensch irgendwann einmal fliegen“, meint Georg Höcherl. Er ist Ausbildungsleiter am Flugzentrum Bayerwald in Wörth an der Donau. 6.000 Gleitschirm-Flieger hat er in 30 Jahren ausgebildet, immer mehr Menschen wollen mit den dünnen, bunten Nylonschirmen abheben. Scheinbar schwerelos, die Welt zu Füßen ganz klein: „Die Leute wollen raus aus dem Alltag, lassen alle Strapazen unter sich“, so Höcherl. Selbst Menschen mit Höhenangst: „Die waren danach einfach nur glücklich.“

Maximilian Haberl fliegt seit drei Jahren. „Es stimmt, dass sich die Freiheit da oben grenzenlos anfühlt“, sagt er begeistert. „Aber auch diese Freiheit kennt Grenzen und Regeln. Nur so kann man die Freiheit da oben in vollen Zügen genießen, ohne dass es gefährlich wird.“

Drei junge Frauen präsentieren die Befreiungshalle in Kelheim.

Monument
der
Freiheit

Eine 45 Meter hohe Kuppelhalle, Bronzetafeln mit Schlachtennamen und marmorne Siegesgöttinnen – die kreisrunde Befreiungshalle bei Kelheim ist ein beliebtes Ausflugsziel. Wer oder was hier befreit wurde?
Die 19-jährige Paula, Besucherin aus Bad Abbach, denkt an Demonstrations- und Meinungsfreiheit. Auch sonst denken nur wenige Besucher an blutige Befreiungskriege. Denn zur Erinnerung an den gemeinsamen Sieg deutscher Fürsten, Soldaten und zehntausender Freiwilliger über die französische Besatzung unter Napoleon ließ König Ludwig I. die Befreiungshalle errichten. Am 19. Oktober 1842 legte er den Grundstein. Die Eröffnungsfeierlichkeiten fanden in seiner Anwesenheit vom 17. bis 20. Oktober 1863 statt.

Blick von oben auf eine Toilette.

Auch ein
Ort der
Befreiung

Claudia Lepiors und ihr Sohn Hajo stoßen gemeinsam auf die "Kleine Freiheit" - ihr Gasthaus - an.

Die kleine
Freiheit

Rote Schrift, heller Untergrund. Auf den Bierdeckeln, den Speisekarten, dem alten Haus in Weiden-Neubau. Dazu ein großer Spielplatz, drum herum nur Radwanderwege und Felder. Seit 30 Jahren sieht so die „kleine Freiheit“ aus. Für Hajo Lepiors und seine Mutter Claudia sind Restaurant und Biergarten alles: Zuhause, Aufgabe, Job.

Für ihre Gäste ist es ein Ort frei von Stress und Konkurrenzdruck. „Wir haben hier viele Stammgäste, vom Professor bis zur Putzfrau“, sagt Claudia Lepiors. Niemand muss sich präsentieren oder inszenieren: „Man kann auch nur was trinken, die Leute sollen sich wohlfühlen“, so die Wirtin.
Hajo, der als 22-Jähriger nach dem Unfalltod seines Vaters vor acht Jahren spontan in die Führung des Betriebs einstieg, um der Mutter zu helfen, sieht in den allabendlichen Öffnungszeiten sogar „große Freiheit“: Er hat gerade seinen Meister im Metallbau-Handwerk absolviert.
„Als zweites Standbein“, sagt er. Vorerst aber bleibt er bei der „kleinen Freiheit“.

Stephan Birkenseer und weitere Mitglieder des Regensburger Touring Clubs sind mit den Motorrädern auf einer Landstraße unterwegs.

Freiheit
der
Landstraße

Die kurvigen Nebenstraßen im Bayerischen Wald, die Landstraßen im Laabertal – sie sind sein Paradies: „Wenn mir der Fahrtwind durchs Gesicht fährt, ich den Motor knattern höre – das ist für mich Freiheit“, sagt Stephan Birkenseer. Er ist Spediteur, sein Alltag ist stressig. „Wenn ich mich am Wochenende aufs Motorrad setze, macht das meinen Kopf frei“, erzählt er, „da kann ich loslassen.
Eine Yamaha 1300 fährt er und teilt seine Leidenschaft mit den 40 Mitgliedern des Touring Clubs Regensburg, deren Präsident er derzeit ist.

Michael Meyerhofer während eines Brustwaxings in Regensburg.

Schmerzhafte
Freiheit

Schönheit ist immer relativ. Was schön ist, definieren Zeit und Zeitgeist. Schon die alten Ägypter fanden Enthaarung wichtig, benutzten dafür eine klebrige Zuckerpaste. Heute findet sich Michael Meyerhofer aus Regensburg ohne Brusthaare schöner als mit: „Es gefällt mir einfach besser“, sagt der Büroangestellte.

Gaby Gregor vom Enthaarungsstudio „Sugar Beach“ hilft ihm dabei: Die Paste aus Glukose und Saccharose wird handwarm aufgetragen, ruckartig abgerissen, und nimmt dann alle Härchen mit. Es schmerzt. Aber Meyerhofer befreit es – von seinen Haaren.

Eine Serviererin des Cafés der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg bei der Arbeit.

Große
Freiheit

In der NS-Zeit vor 1945 wären Menschen mit Behinderung an Orten wie diesem umgebracht worden. Heute arbeiten zehn Menschen mit geistigen oder psychischen Einschränkungen im Café der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. „Wir wissen alle, was hier einmal passiert ist“, sagt Maria Gablak. „Aber jetzt ist es ein guter Ort geworden. Ich arbeite gern hier“. Ihre Kollegin Melanie Rauscher ergänzt: „Für mich ist diese Arbeit ein großes Glück, hier kann ich einen ganz normalen Job machen.“

Die Stammgäste des Cafés schätzen den guten Service und die köstlichen, selbst gemachten Kuchen. Für den Leiter der KZ-Gedenkstätte, Dr. Jörg Skriebeleit, ist das Museumscafé ein Ort besonderer Offenheit und Freiheit: „Der Wert eines jeden Lebens, der hier früher so fundamental verneint wurde, wird in der Gedenkstätte und in unserem Café täglich sichtbar.“
Am 23. April 1945 wurden die Häftlinge des Konzentrationslagers Flossenbürg von den Amerikanern befreit.

Blick auf den "Platz der Freiheit" in Teublitz.

Platz der
Freiheit

Rund um das kleine rote Rathaus von Teublitz liegt der „Platz der Freiheit“: Graues Pflaster, eine verkehrsumtoste Bushaltestelle, ein paar Blumenkübel, ein Springbrunnen. Kaum jemand, der hier gerade vorbeikommt, kennt den großen Namen. Nur ein einziges, verstecktes Straßenschild zeigt ihn an.

Erst Norbert Hintermeier, Kirchenmusiker der Herz-Jesu-Kirche am Platz der Freiheit, kann Auskunft geben: 1933 wurde aus dem damaligen Marktplatz die „Adolf-Hitler-Straße“. Und nach dem zweiten Weltkrieg zur Erinnerung an die Befreiung von den Nationalsozialisten der „Platz der Freiheit“. Eine Befreiung, an die zu erinnern sich lohnt.

Eine Messe findet auf dem Großen Arber statt.

Freier Tag

Er ist ruhiger als die anderen Tage, in der Stadt wie auf dem Land. Er ist leiser, weil die Pendler ihre Autos stehen lassen. Er entschleunigt. Der Sonntag als freier Tag, als Gelegenheit zum Austausch, mit der Familie, mit Freunden, mit Gott.
Zum Beispiel auf dem Arber, bei der Waldlermesse. Unter freiem Himmel. Der Sonntag befreit von den Lasten des Alltags. Er macht frei für Muße, Besinnung, Gottesdienst und gemeinsame Aktivitäten. Schon heute müssen viele Menschen am Sonntag arbeiten. Umso wichtiger ist die soziale Bedeutung des freien Sonntags. Der Sonntag als ein Tag gemeinschaftsstiftender Aktivitäten. Ein schöner Tag. Ein schützenwertes Kulturgut, das uns frei macht von der völligen Ökonomisierung des Lebens.

Auf einem Pappschild sind die Sterne der Europaflagge in Herzform angeordnet.

Weisungen, die in die Freiheit führen

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