Teufels-

             kreis

Redaktion
Benedikt Boegle

Überforderung, Leistungsdruck, innere Leere: Für den Griff zur Droge gibt es viele Gründe. Je mehr die eigene Lebenswirklichkeit schmerzt, desto leichter rutscht man in die Sucht. Unter bestimmten Umständen kann es jeden treffen. Elisabeth ist abgestürzt. Erst dachte sie, die Droge hilft. Dann ruinierte Crystal ihr Leben.

Es begann am Silvesterabend 2001. Elisabeth Ebner (Name von der Redaktion geändert) hatte eine Party organisiert. Seit einem guten halben Jahr war die 19-Jährige verheiratet, hatte ein Kind, war von ihrem Mann aber schon wieder getrennt. Es lief nicht wirklich gut für Elisabeth. Auf ihrer Feier begannen einige der Gäste, weiße Linien auf den Tisch zu legen und zu schnupfen. Elisabeth wusste nicht, was sie da nahmen. Aber sie wollte es auch probieren. Also schnupfte auch sie, und sie fühlte sich unbeschreiblich: „Das war mein erster Konsum. Es war meine Antwort auf alles. Alles war wieder in Ordnung. Plötzlich konnte ich über Gefühle reden. Ich wusste vorher gar nicht, dass es so viele Gefühle gibt.“
Was Elisabeth so berauschte, war Crystal Meth. Von da an konsumierte sie immer wieder die synthetische Droge. Drei Monate lang schnupfte sie jedes Wochenende. Abrupt endete ihr Konsum. Ihr Dealer, von dem sie die Droge bezog, war verhaftet worden. Sonst kannte sie niemanden in der Szene. Sie kam an kein Crystal mehr.
Kurz darauf starb ihr Vater. Elisabeth fühlte sich miserabel. Jetzt brauchte sie wieder Crystal. Der Dealer war inzwischen wieder auf freiem Fuß, sie kam an ihren Stoff. Eine leichte Familiengeschichte hat Elisabeth nicht. Ihr verstorbener Vater war schwerer Alkoholiker, er tyrannisierte die ganze Familie. Bis heute ist Elisabeth traumatisiert.

Oberpfalz: Problem mit Crystal

Die Oberpfalz ist besonders vom Problem Crystal Meth betroffen. Michael Lochner, Pressesprecher des Regensburger Zolls, berichtet, dass 2012 ein Drittel der bundesweit vom Zoll oder der Polizei beschlagnahmten Crystals in der Oberpfalz aufgegriffen wurde. Das liegt vor allem an der Grenze zu Tschechien, die Droge kommt hauptsächlich von dort. Besonders schwer herzustellen ist Crystal dabei eigentlich nicht. Die Inhalte sind ebenso leicht zu bekommen, wie sie gesundheitsschädlich sind: WC-Reiniger, Salzsäure, Batteriesäure. Über die Grenze gelangt diese Mischung dann nach Deutschland. Wie viel Crystal tatsächlich im Umlauf ist, kann aber auch die Polizei nicht sagen. Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren deutlich weniger Crystal-Delikte. 2106 wurden in der ganzen Oberpfalz 416 Verstöße mit Crystal aktenkundig. Zum Vergleich: 2012 waren es 1044 Verstöße. Von 2015 zu 2016 nahm die Zahl der Crystalverstöße um beinahe 25 Prozent ab. Das muss aber nicht bedeuten, dass der Crystalkonsum auch zurückgeht. Tendenziell wird Crystal in weniger Fahrten, dafür aber in größeren Mengen transportiert. Teilweise sind diese neuen Wege der Polizei nicht bekannt. Letztlich lassen die Zahlen der Polizei keine belastbaren Rückschlüsse auf das tatsächliche Konsumverhalten zu.

Die Droge ist gefährlich: Zwischen 85 und 90 Prozent der Konsumenten sind schon nach dem ersten Mal abhängig. Gerade am Anfang zeigt die Droge erstaunliche Wirkungen: Sie verleiht scheinbar übermenschliche Energie. Elisabeth Ebner war mit ihrem Leben irgendwann überfordert. Sie lebte in einer großen und schönen Wohnung, hatte ein neues Auto, musste ihr Kind ernähren. Um das alles halten zu können, arbeitete sie immer mehr. Sieben Tage die Woche, mindestens siebzig Wochenstunden. Dazu kam ihr kleiner Sohn, die Hausarbeit musste auch erledigt werden. Elisabeth kam nicht mehr hinterher. Sie nahm Crystal. Innerhalb eines Tages und einer Nacht putzte sie die ganze Wohnung: „Ich habe sogar die Legosteine mit einem Wattestäbchen saubergemacht“, erinnert sich Elisabeth. Dann zur Arbeit, nach der Schicht ab in die Waschstraße, Auto grundreinigen. All das geht mit Crystal, der Körper kommt auch ohne Schlaf aus. So scheint es zunächst.

Es gibt eine hohe Dunkelziffer

Von Hermann Josef Eckl

Auch Studenten versuchen ihre Leistung durch Medikamente künstlich zu steigern. Das kommt besonders häufig in Fächern vor, in denen es sehr wichtige und arbeitsintensive Examina gibt, von denen viel abhängt und der Druck damit dementsprechend groß ist: Staatsexamina bei den Juristen oder in den Lehramtsstudiengängen zum Beispiel.

Welche Medikamente zum Einsatz kommen, ist schwer zu sagen. In nicht wenigen Fällen werden die Medikamente offenbar auch in Absprache mit einem behandelnden Arzt eingesetzt. Dies kann Situationen betreffen, in denen tatsächlich eine Grunderkrankung vorliegt. Es geht dann um Medikamente, die zur Leistungssteigerung zweckentfremdet werden, etwa Ritalin. Bei Grenzfällen zwischen Erkrankungen und Leistungssteigerung gibt es eine hohe Dunkelziffer. Wenn es um illegale Substanzen oder Medikamentenmissbrauch geht, vertrauen sich Studierenden selten den Dozenten an.

Der Autor ist Studentenpfarrer in Regensburg

Griff zu Drogen wegen Überforderung oder Langeweile

Elisabeth ist kein Einzellfall. Gerade traumatische Erfahrungen oder schwierige familiäre Situationen machen Menschen anfällig für Drogen. Unzählige leiden zudem unter Leistungsdruck und greifen dann zu Drogen. Das betrifft die unterschiedlichsten Berufe: Von der Hausfrau über den Mechaniker bis hin zu Ärzten, Anwälten, Politikern und Unternehmern. Grundsätzlich kann man dabei zwei Typen unterscheiden: Auf der einen Seite stehen Menschen, die mit dem Übermaß an Arbeit nicht zurechtkommen. Sie sind überfordert und treiben ihre Leistungsfähigkeit nach oben, um ihre Arbeit bewältigen zu können. Auf der anderen Seite gibt es viele, die nicht ihre Leistungsfähigkeit erhöhen, sondern sich überhaupt erst zur Arbeit antreiben müssen. Das betrifft viele Menschen, die mit ihrer Arbeit unterfordert sind oder keine Lust auf ihre Aufgaben haben. Christian Kreuzer von der Regensburger Caritas-Suchtambulanz berichtet von Hausfrauen, die Drogen nehmen, um mit der Monotonie der täglichen Arbeit zurechtzukommen, oder auch von Menschen mit Schreibtisch-Jobs, denen die immer gleichen Abläufe zusetzen.

Auf lange Sicht können Drogen die Leistung nicht steigern. Das hat Elisabeth selbst erfahren. Irgendwann half Crystal nicht mehr, um ihre Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Sie brauchte die Droge, um überhaupt etwas tun zu können. Man braucht immer mehr, um in die Gänge zu kommen. Auch damit ist Elisabeth nicht alleine. Viele Menschen rutschen Stück für Stück in die Abhängigkeit. Egal, welche Droge man nimmt, um mehr Leistung zu bringen – irgendwann stellt sich der positive Effekt nicht mehr ein. Der Körper braucht immer mehr, um alleine das normale Niveau halten zu können. Die Betroffenen müssen immer mehr Alkohol trinken, immer mehr Medikamente nehmen – oder die Crystal-Meth-Dosis steigern.

„Die Droge hinterlässt auch ihre Spuren. Der Körper ist am Ende“, sagt Elisabeth. Ihren Lebensstandard konnte sie irgendwann nicht mehr halten. Sie begann, mit den Drogen zu handeln. Am Anfang wenig, dann immer mehr – bis sie von einem ihrer Kunden bei der Polizei angezeigt wurde. Elisabeth kam in Untersuchungshaft, wurde zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Einen Teil der Zeit verbrachte sie in Therapie. Wieder auf freiem Fuß, nahm sie erneut Crystal und verkaufte es auch wieder. Die Folge: Eine weitere Haftstrafe, vier Jahre dieses Mal. Mittlerweile lebt sie in Regensburg in einer forensischen Nachsorgewohngemeinschaft, wo Menschen mit einer Drogenabhängigkeit in einem geschützten Rahmen das Leben ohne Drogen und mit Unterstützung erproben können. Das ist die letzte Stufe ihrer Therapie und Teil ihrer Strafe.

Ein Leben ohne Crystal

Der Weg aus der Sucht heraus war für Elisabeth schwer – so, wie für viele andere auch. Sucht wird im persönlichen Umfeld vieler Abhängiger oft gar nicht wahrgenommen, sagt Kreuzer von der Caritas. Gerade Abhängige aus höheren Bildungs- und Einkommensschichten könnten die Probleme durch schicke Kleidung und hervorragende Körperpflege gut kaschieren. Wer sich die eigene Sucht dann aber eingesteht und von den Drogen wegkommen will, steht vor einem schwierigen Weg. Wer Drogen nimmt, um seine Leistungsfähigkeit zu steigern, muss zunächst dringend etwas ändern: an seiner Einstellung zu sich selbst und an seinem Beruf. „Man muss sein Arbeitsverhalten ändern und die eigenen Grenzen erkennen. Auch gegen den Widerstand von Vorgesetzten“, sagt Kreuzer. Einige schaffen den Weg dann selbst, viele müssen sich einer Therapie unterziehen. Das zeigt langfristig meist größere Erfolge. Elisabeth Ebner hat die ersten Schritte schon geschafft. Offen erzählt die 35-jährige Frau von ihren Problemen. Viel hat sie über sich selbst nachgedacht, das eigene Leben reflektiert. Mittlerweile hat sie wieder eine Arbeit, das befriedigt sie: „Ich habe im Beruf die Liebe gefunden, die ich früher zum Drogenhandel hatte. Ich brauche eine Karriere – jetzt aber eine legale.“ Ungeschehen machen kann sie die Vergangenheit nicht. Sie hat Probleme mit ihren Zähnen. Das ist typisch für Crystal-Konsumenten. Zudem ist sie sehr vergesslich. Auch wenn sie auf einem guten Weg ist, die Angst bleibt. „Du kannst Crystal nicht ersetzen. 

Reiner Selbstbetrug

Redaktion Sebastian Koschel

Medikamentenmissbrauch ist auch im Sport leider eindeutig ein Thema. Je mehr Geld sich mit menschlicher Leistungsfähigkeit und dessen Performance verdienen lässt, desto höher sind Gefahr und Versuchung, zu manipulieren. Dabei muss man aber Breitensport und Berufssport unterscheiden. Meistens kommen Medikamente zum Einsatz, die Schmerzen hemmen, die Konzentration vermeintlich steigern, die Regenerationszeit verkürzen und die Muskulatur positiv beeinträchtigen.

Gefährlich wird eine sportliche Belastung, wenn sie zum Risiko für den eigenen Körper wird. Mittlerweile ist es oft weitläufiger Usus, Schmerzen medikamentös ausschalten zu wollen. Schmerzsignale oder Erschöpfung haben aber einen Sinn: Der Körper sendet diese Signale nicht willkürlich. Grundsätzlich ist Leistungssteigerung durch Medikamentenmissbrauch reiner Selbstbetrug – und höchst riskant.

Der Autor ist Personal-Trainer

SCHULSTRESS: FINGER WEG VON PSYCHO-PILLEN

Redaktion
Josef Kraus

Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die Psychopharmaka verschrieben bekommen, ist weiter angestiegen. Laut Krankenkassenberichten und wissenschaftlich-medizinischen Statistiken bekommen etwa 2 bis 2,5 Prozent der Kinder solche Medikamente verordnet. Was über die ärztliche Medikation qua Selbstmedikation hinausgeht, entzieht sich der Statistik. Aber man darf als Dunkelziffer annehmen, dass mindestens nochmal so viele Kinder und Jugendliche rezeptpflichtige Medikamente ihrer Eltern bekommen oder dass ihnen ihre Eltern homöopathische Mittel geben. Auf die Schulpraxis heruntergebrochen heißt das, dass in jeder Klasse ein bis zwei Schüler sitzen, die leistungsbeeinflussende Präparate beziehungsweise „Pschyo-Pillen“ bekommen.
Den breitesten Raum unter den verschreibungspflichtigen Medikamenten nehmen Stimulanzien ein, die bei Aufmerksamkeitsstörungen, beispielsweise bei ADHS, verschrieben werden. Dazu gehört vor allem der Wirkstoff Methylphenidat (Handelsname: Ritalin). In geringerem Umfang werden Antipsychotika und Antidepressiva verschrieben, nämlich etwa zwei bis drei Kindern von 1.000.

Die Gründe für diese problematischen Entwicklungen können sehr unterschiedlich sein. Manchmal stecken überehrgeizige Eltern dahinter, manchmal wollen Eltern ein ruhiggestelltes, bequemes Kind. Oft ist das Kind auf einer Schullaufbahn, der es nicht gewachsen ist. Die Folge können – je nach Persönlichkeit – Reizbarkeit, Aggressivität, Versagensängste, Schlafstörungen, psychosomatische Symptome vor dem Schulbesuch oder vor Prüfungen sein. Manchmal sind die Ursachen etwa für eine hyperaktive Symptomatik schlicht und einfach ein Mangel an Ausgleich und Bewegung oder eine Überreizung durch exzessiven Medienkonsum. Dagegen immer gleich medikamentös anzugehen, verspricht zwar im Moment am ehesten Erfolg. Aber es ist nur Symptomtherapie, denn die Ursachen für die Erlebnis- und Verhaltensstörungen sind damit nicht beseitigt. Hier hilft am ehesten eine enge Abstimmung zwischen Eltern, Lehrern, möglichst auch Schulpsychologen und Kinderärzten. Mitverantwortlich für psychosomatische Entwicklungen kann aber auch die ständige öffentliche Suggestion von Schulstress sein. In der Folge empfinden Eltern und Schüler etwas schon als Stress, was eigentlich eine ganz altersgerechte Herausforderung ist.
Umgekehrt wird ein junger Mensch keine Selbstsicherheit und kein Selbstbewusstsein entwickeln, wenn er erlebt, dass er Herausforderungen offenbar nur mithilfe von Medikamenten bewältigen kann.

Josef Kraus war selbst Lehrer für Deutsch und Sport, außerdem war er Schulpsychologe und viele Jahre Direktor eines Gymnasiums in Bayern. Von 1987 bis Juni 2017 war er Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Hilfsangebot der Caritas Regensburg

Zum vierten Mal in Folge ist die Zahl der Drogentoten in Deutschland gestiegen. Im vergangenen Jahr starben 1.333 Menschen, weil sie illegale Substanzen wie Heroin, Kokain, Crack oder Crystal konsumierten. Das geht aus dem 2017 veröffentlichten Jahresbericht zur Rauschgiftkriminalität hervor. Untersuchungen gehen zudem von jährlich etwa 74.000 Todesfällen in Deutschland aus, die durch Alkoholkonsum verursacht werden. Hilfe findet man unter anderem bei der Caritas. „In allen Regionen Ostbayerns betreibt die Caritas Fachambulanzen für Suchtprobleme. Sie sind für alle Probleme und Fragen rund um die Sucht die ersten Anlaufstellen. Betroffene, Angehörige, aber auch alle anderen Interessierten können sich an unsere Beraterinnen und Berater wenden“, betont Christian Kreuzer, Referent für Suchthilfe der Caritas Regensburg. Die Suchthilfe der Caritas bietet ein flächendeckendes Beratungs- und Behandlungsangebot bei sämtlichen Problemen im Umgang mit illegalen Drogen, Alkohol und allen anderen Formen suchtartigen Verhaltens. 
Die Beratung ist für alle offen, unabhängig von Herkunft, Konfession oder Problemlage.

Telefon:     0941 630827-0           

E-Mail:       suchtambulanz(at)caritas-regensburg.de.

Internet:    www.suchthilfe-ostbayern.de

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