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Alejandro Granado Aguilar

Lesedauer: ca. 8 Min.

Autor & Fotos: Alejandro Granado Aguilar

Ausgerechnet Gott

Mängel, Macken, Mittelmaß? Glückwunsch! Es gibt da jemanden, der Großes vorhat.

Ich bin mittelmäßig. So sehr ich mich auch prüfe, ich komme immer wieder zu dem gleichen Schluss: Ich bin mittelmäßig – in allem, was ich getan habe und tue. Ich schreibe das nicht aus Bescheidenheit, nicht einmal aus falscher Bescheidenheit. Ich schreibe es, weil es wahr ist.

Von klein auf schwimme ich leidenschaftlich gerne. Ich war Teil eines Teams und konnte an Wettkämpfen teilnehmen, aber nur auf lokaler Ebene und ohne großartige Erfolge. Mit 18 entdeckte ich eine neue Leidenschaft: Musik. Ich begann, mir Gitarre beizubringen. Aber ich kam nicht über die einfachen Grundakkorde hinaus. Auch meine Studienleistungen ließen zu wünschen übrig. Es würde ausreichen, meine Qualifikationen zu überprüfen.

Die Wahrheit über sich selbst anzuerkennen und ehrlich zu anderen zu sein, ist nicht einfach. Das kann ganz schön hart sein. Ich habe es zu Hause gelernt. Meine Mutter war immer „brutal“ aufrichtig. Das betraf die ganze Familie: ihren Mann und uns fünf Kindern. „Sei aufrichtig – sogar zu meinem eigenen Schaden“, sagt mir meine Mutter heute noch.

Schwäche zeigen? Geht gar nicht!

Ich muss gestehen, die „Ausbildung“ meiner Mutter war keine leichte Kost. Aber sie hat mir später geholfen, den heiligen Paulus besser zu verstehen. „Mit großer Freude will ich mich meiner Schwachheit rühmen“, schreibt er in seinem Brief an die Korinther (2 Kor 12,9). Was soll das, sich der eigenen Schwäche zu rühmen? Wäre es nicht besser, seine Schwächen zu verbergen? Leben wir nicht heute wie damals in einer Welt, die diejenigen belohnt, die stark, fähig, eloquent sind, die eben keine Schwächen zeigen? Hat der heilige Paulus das Handtuch geworfen und resigniert? Um die Worte des Apostels nicht aus dem Zusammenhang zu reißen, lesen wir den Satz zu Ende. Denn Paulus selbst gibt uns die Antwort. Er will sich seiner Schwachheit rühmen, damit „die Kraft Christi auf ihn herabkommt“ (2 Kor 12,9).

Wie ist das zu verstehen? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen meinen Schwächen, meiner Mittelmäßigkeit und der Kraft Christi? Was hat das mit meinem Leben, mit meiner Arbeit, mit meiner Berufung zu tun?

Die Sache ist die: Gott tickt völlig anders als wir. Bei Gott gelten komplett andere Maßstäbe. Der heilige Paulus hat das in seinem Brief an die Korinther so ausgedrückt: „Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott“ (1 Kor 1,26ff).

Wie verrückt ist das denn?

Gott erwählt nicht die Überflieger und Perfekten. Er bedient sich der Schwachen, Fehlerhaften, Menschen mit heftigen Brüchen in ihrer Biographie. Die Heilige Schrift ist voller Beispiele genau dafür: Abraham, Moses, David, Petrus oder Paulus, um nur einige Namen zu nennen, das waren Typen mit gewaltigen Fehlern und Makeln. Aber Gott setzte auf sie. (Mehr dazu im Beitrag „Makellos, tadellos, rundum perfekt“)

Es ist schwer, unsere Denkgewohnheiten und Beurteilungskriterien abzulegen und sich auf die ganz anderen Maßstäbe Gottes einzulassen. Ein solches Umdenken geht nicht von heute auf morgen. So etwas dauert. Es ist ein Prozess, ein Weg, ein langer Weg. Man kann diesen Weg mit einer Pilgerreise vergleichen. Jeder, der schon einmal gepilgert ist, hat gehört, dass ein Pilgerweg Sinnbild jenes Weges ist, den wir in unserem Leben gehen. Es geht nicht immer geradeaus. Wir kommen nicht immer mit der gleichen Geschwindigkeit vorwärts. Wir verfügen nicht immer über die gleiche Kraft. Manchmal gehen wir Irr- und Umwege.

Rückblickend kann ich sagen: bei mir begann diese innere Pilgerreise im Alter von 13 Jahren. Und zwar völlig unbewusst. Ich hatte damals keine Ahnung, dass Gott einen Plan für mich hat. Niemand hatte mir jemals gesagt, dass Gott in meinem Leben gegenwärtig ist. Noch weniger, dass er mich so liebt, wie ich bin. Meine innere Pilgerreise begann nicht durch meine Entscheidung. Meine Eltern schickten mich zu Gesprächen in der Gemeinde. Ohne es zu ahnen, begann damit für mich mein Weg mit Gott.

Meine Pläne, seine Pläne

Bei diesen Gesprächen hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben diese Worte des Propheten Jesaja: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken“ (Jes 55,8-9). Diese Sätze des Propheten Jesaja begleiten mich bis heute.

Jedes Mal, wenn ich sie höre, muss ich schmunzeln, wenn ich an den 13-jährigen Alejandro und seine damaligen Pläne denke. Oder wenn ich an den 22-jährigen Alejandro denke, der nach seinem Psychologiestudium nach Buenos Aires ging. Oder an den 23-jährige Alejandro, der 1999 in Köln landete, um in das Priesterseminar Redemptoris Mater einzutreten. Die Prophezeiung des Jesaja ist bleibend aktuell. Sie hat sich in meinem Leben immer wieder erfüllt: „So übertreffen meine Wege deine.“

Ich hatte andere Vorstellungen für mein Leben. Nach meinem Psychologie-Studium wollte ich eine eigene Praxis eröffnen. Mit spätestens 25 Jahren wollte ich verheiratet sein und dann viele Kinder haben. Alles kam anders. Heute bin ich Priester und glücklich. Seine Wege übertrafen meine. Und das war und ist gut so.

Wo bitte geht’s zum Glück?

Mir scheint, der größte Unterschied zwischen Beruf und Berufung liegt im Glück. Selbstver-ständlich gibt es Menschen, die Spaß an ihrer Arbeit haben und sich dadurch erfüllt fühlen. Aber es kann auch anders sein. Manche zwingt die Arbeit zu großen persönlichen Opfern. Sie sind lange von ihrer Familie getrennt oder haben nicht ausreichend Zeit für ihre Kinder. So oder so: Ich kenne niemanden, der bereit ist, ohne Gegenleistung zu arbeiten. Ich kenne auch niemanden, der sich nicht nach dem Wochenende oder dem Beginn eines wohlverdienten Urlaubs sehnt. Arbeit hat mit Anstrengung zu tun.

Berufung dagegen ist der Plan, den Gott für mich entworfen hat, damit ich glücklich sein kann. Berufung ist kein Gefallen, den ich Gott oder den Menschen tue. Sie ist eine Gnade, ein Geschenk, ein Gefallen, den Gott mir tut. Ich erinnere mich an einen Priester aus Haiti, der gesagt hat: „Gott hat mich nicht ins Priesteramt berufen, um Menschen zu retten, sondern um mich persönlich zu retten.“ Diese Worte haben mir sehr geholfen. Gott möchte in erster Linie, dass ich glücklich bin. „Er hat mich ins Freie geführt, er hat mich gerettet, weil er mich geliebt hat“ (Psalm 18,20).

Wie ein einzigartiges Kunstwerk

Gott hat für jeden von uns einen eigenen Plan, eine persönliche Berufung, unbeschreiblich schön und ganz individuell wie großes Kunstwerk. Für den einen liegt sie in einem geistlichen Dienst, bei anderen in der Elternschaft oder eben in einem bestimmten Beruf. Immer aber gilt: Gott möchte, dass unser Leben gelingt, dass wir glücklich werden.

Um seine Berufung zu entdecken, braucht es kein übernatürliches Ereignis. Meist ist es ein langer, teils auch mühsamer Prozess, in dem Gott versucht, uns nach und nach zu erobern. Oft stehen wir uns selbst im Weg, weil wir auf unsere Fehler starren, nur auf unsere Schwächen blicken, auf unsere Mittelmäßigkeit. Gott sieht uns anders an. Er denkt groß von uns, weil er uns liebt. Seine Wege sind größer als unsere.