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Ausgabe 01/21 Talent

Der Sinn Schlüssel

By September 2, 2021No Comments

Lesedauer: ca. 6 Min.

Autor: Markus Reder

Der Sinn Schlüssel

Sich ständig mit anderen zu vergleichen, ist der sicherste Weg, die eigenen Talente zu übersehen. Das ist fatal. Denn unsere Talente weisen den Weg zu einem erfüllten Leben.

„Es steht fest, dass viele von Ihnen kein wirkliches Talent zur Kunst haben und daher nicht hier sein sollten. Es steht ebenso fest, dass einige von Ihnen zum Künstler geboren sind und daher keine Ausbildung brauchen. Im einen wie im anderen Fall täten Sie gut daran, nach Hause zu gehen und sich um Ihr Leben zu kümmern.“

Friedensreich Hundertwasser mag ein begabter Künstler gewesen sein – zum Talentscout hätte er nicht getaugt. Für das, was er da in einer Gastvorlesung an der Hochschule für bildenden Künste Hamburg von sich gab, würde ihn jeder Bildungsforscher in der Luft zerreißen.

Dann hätte Mozart mehr in der Kneipe gesessen als am Spinett

Klar, wer kein Talent für Kunst hat, sollte nicht Kunst studieren. Wer unmusikalisch ist, dass es brummt, hat nichts an einer Musikhochschule verloren. Wer zwei linke Hände hat, lebt als Schreiner maximal gefährlich. Und wer häufig über seine eigenen Füße stolpert, landet sicher nicht bei Real Madrid. Aber wie verhält es sich andersherum? Braucht tatsächlich keine Ausbildung, wer zu etwas geboren ist? Genügt herausragendes Talent? Wäre dem so, hätte Mozart mehr in Kneipen gesessen als am Spinett. Stephen Hawking wäre die Quantenphysik in den Schoß gefallen und Biathlon-Queen Magdalena Neuner hätte nicht Jahre ihres Lebens in der Loipe und auf dem Schießstand verbracht.

„Übung macht den Meister“. Diesbezüglich sind sich Bildungsforscher weltweit einig. Fest steht aber auch: „Talent macht den Unterschied“. Talent entscheidet darüber, wie leicht einem etwas fällt, wie weit man mit Übung kommen kann und es zeigt, was einem im tiefsten Inneren entspricht.

Nie waren Talente so gesucht wie heute. Es gibt einen ganzen Markt, der sich nur mit Talentsuche befasst. In der Wirtschaft tobt ein regelrechter Krieg um Talente. Vom „War for Talents“ ist die Rede. Es sei es eine große Herausforderung „die richtigen Mitarbeiter mit der richtigen Qualifikation zum richtigen Zeitpunkt im Unternehmen zu haben“, sagt Rosemarie Clarner, Senior Partner Human Resources einer Management-Firma. Unternehmen müssten sich etwas einfallen lassen um Talente zu identifizieren, zu fördern und zu halten, betont sie. Darum werden Talente heute gesearchet, gescoutet, gemanaget, geteacht und was sonst noch alles.

Supertalent oder ewiges Talent?

Talent steht in fetten Lettern auf der Eintrittskarte in die Welt von Big Business und Big Money. Gleichzeitig muss einem Angst und Bange werden, bleibt man Talent. Wer als ewiges Talent gilt, spielt schneller gegen den Abgesang als einem lieb sein kann. Wer es nicht glaubt, kann ja mal bei Leroy Sané nachfragen.

Talent allein ist offenkundig zu wenig. Im Sport, in der Kunst wie in Wissenschaft und Wirtschaft. Wahrscheinlich sucht man deshalb bei RTL lieber gleich das Supertalent. Woran erkennt man solche Supertalentierten? Dieter Bohlen bekam Gänsehaut und Bruce Darnell weinte vor Rührung, wenn es supertalentiert zuging. Mal sehen, wie die neue Jury um Lukas Podolski, Chantal Janzen und Michael Michalsky reagieren. Talentsuche kann so einfach sein. Ist aber tatsächlich jeder Raupendompteur schon ein Supertalent? Oder braucht es mehr? Was genau ist gemeint, wenn von Talent die Rede ist? Und woher kommt das Wort überhaupt? Antworten finden sich weder bei Bohlen noch bei Hundertwasser. Dafür muss man zurück in die Antike.

„Das Wort kommt aus dem Griechischen“, erklärt die Philosophin Rebekka Reinhard. „Das ist interessant, denn es hatte noch gar nichts mit den Dingen zu tun, die wir heute mit Talent assoziieren: mit Kreativität oder mit Intellekt.“ Tatsächlich ging es bei den Griechen wie bei den Römern beim Talent um eine Maß- und Währungseinheit. Das altgriechische Wort talanton meinte ursprünglich Waage, Waagschale, das Gewogene. Das Gewicht eines Talents war nicht überall gleich. 27 Kilogramm galten in Karthago als ein Talent. Das attische Talent wog 36 Kilo. Aus dem lateinischen talentum entwickelt sich schließlich das deutschsprachige Talent. Allerdings mit veränderter Bedeutung.

Von der Währung zum Geschenk Gottes

„Erst mit den Neuen Testament beginnt sich die Bedeutung zu wandeln“, sagt Reinhard. Aus der Währung wird ein Geschenk Gottes. Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Mt 25,14-30 und Lk 19,12-27) schwingen beide Bedeutungen mit. In dieser Gleichniserzählung geht es darum, gottgegebene Talente zu vermehren, sie zur Entfaltung zu bringen statt sie aus Angst zu vergraben. „Mach was aus dem, was Dir geschenkt ist. Hab keine Angst. Trau Dir Großes zu“, ließe sich das in die Sprache heutiger Talentcoaches übersetzen.

Bei allem Wandel des Begriffs im Laufe der Geschichte – heute ist ziemlich eindeutig, was man unter Talent versteht. Eine Definition würde etwa so lauten: Als Talent bezeichnet man eine besondere Begabung auf einem bestimmten Gebiet. Talente hat man von Geburt an. Durch Übung kann man sie weiterentwickeln und entfalten.

Keine Karriere-Garantie

Nicht immer führt ein besonderes Talent auch zu einer großen Karriere. Manch Talent bleibt unentdeckt. Nicht jeder talentierte Sänger rockt die Bühnen der Welt. Nicht jede Spitzensportlerin gewinnt bei Olympia. Vielleicht lackiert ein nicht entdeckter Freddie Mercury gerade in einer KFZ-Werkstatt Autos? Wahrscheinlich gibt es unerkannte Billie Eilish, die irgendwo in der Buchhaltung sitzen. Und manch Superbrain wird nie Professor, weil es – ohne die richtigen Fürsprecher – im Mittelbau der Uni festhängt.

Talente zu besitzen ist keine Karriere-Garantie, wohl aber ist ihre Entfaltung eine wichtige Voraussetzung für ein gelingendes Leben. Ob ich meine persönlichen Talente entfalten kann oder nicht, entscheidet maßgeblich mit über mein Lebensglück. Lebe ich das, was in mich hineingelegt ist und mir Freude macht? Oder bestimmen andere, welche meiner Begabungen gelebt werden dürfen und welche nicht?

Dieses oder jenes Talent mündet nicht zwangsläufig in einen bestimmten Beruf. Das ist kein Problem. Zumindest dann nicht, wenn es andere Möglichkeiten gibt, die eigenen Talente zu entfalten. Schwierig wird es, wenn Talente unentdeckt in der seelischen Mottenkiste schlummern. Dann wächst die Unzufriedenheit. Das gibt es selbst bei beruflich sehr erfolgreichen Leuten. Manche wechseln den Job, weil sie merken, dass sie an ihren eigentlichen Talenten vorbei leben.

Merkwürdig blind für die eigene Begabung

Talentblindheit ist heute ein weitverbreitetes Phänomen. Vielen fällt es schwer, die eigenen Talente zu erkennen. „Wir sind da blind“ meint die Psychologin und Karriereberaterin Madeleine Leitner. „Und das hat einen einfachen Grund. Die größten Fähigkeiten fallen uns so leicht, dass wir nicht einmal merken, dass wir überhaupt etwas tun. Und weil es uns so leicht von der Hand geht, denken wir: Das ist doch nichts Besonderes.“ Eben das ist der Irrtum. Was anstrengend ist, wird wertgeschätzt. Was einem leichtfällt, ja Freude macht, kann nichts von Bedeutung sein. Genau da hinzuspüren, wäre der Weg, die eigenen Talente zu entdecken.

Sollten nicht die Schulen der Ort sein, wo man seine Talente erkennt und entwickelt? Leider ist oft das Gegenteil der Fall. „In unserem Schulsystem spielt eindeutig der Vergleich mit anderen eine Rolle. Da geht es nicht um persönliche Entwicklung. Die Schüler werden am Durchschnitt der Mitschüler gemessen“, beklagt der Psychologe Adam Yearsley. Verglichen wird aber nicht nur untereinander, verglichen werden auch die Begabungsgebiete: Mathe wiegt mehr als die Theater-AG, Sprachbegabung sticht Sport und Naturwissenschaften blasen den Musikern den Marsch.

Nicht jeder ist ein Genie, aber jeder hat eine Mission

Wer sich ständig mit anderen vergleicht, läuft Gefahr, die eigene Talente zu übersehen. „Es bringt nichts, sich dauern mit anderen zu vergleichen“, betont Yearsley. Das Individuum müsse im Mittelpunkt stehen. Entscheidend sei, wie sich jeder einzelne Mensch weiterentwickeln und seine Talente finden könne. Es gehe darum zu verstehen, worin ein Mensch wirklich gut sei und wie er daran persönlich wachsen könne.

Talent macht nicht aus jedem gleich ein Genie. Aber ohne die eigenen Talente zu entdecken und zu entfalten, fehlt der Schlüssel zu jener Tür, hinter der „ich“ ganz ich selbst sein darf und den Sinn meines Lebens spüre. Der Psychologe Viktor Frankl hat das so ausgedrückt: „Wir erfinden unseren Auftrag in dieser Welt nicht, sondern wir entdecken ihn. Er liegt in uns und wartet darauf, verwirklicht zu werden. Jede/r hat eine persönliche Berufung oder Mission im Leben. Jede/r muss einer bestimmten Aufgabe nachkommen, die auf Erfüllung drängt. Der Auftrag jedes Menschen ist genauso einzigartig wie die Chance, ihn zu erfüllen.“