„Manchmal

ist

weniger

mehr“

geschätzte Lesedauer: 11 Minuten

Autor

Tobias Liminski

Portraitfotografie

Bayerischer Rundfunk

 

Guten Morgen Bayern! Täglich wachen 3,3 Millionen Menschen in ganz Bayern mit ihm auf. Marcus Fahn moderiert Deutschlands meistgehörte Morgensendung. Bayern 1-Hörer schätzen seine sympathische Art und den Klang seiner Stimme. „Da habe ich vom lieben Gott einfach ein Geschenk bekommen. Für das ich nichts kann, aber für das ich sehr dankbar bin“, meint Marcus Fahn. GRANDIOS hat mit ihm gesprochen, als er aus dem Homeoffice moderiert hat. Während der Corona-Krise waren Zusammenhalt und Freundschaft große Themen bei Bayern 1. Wir wollten wissen, welche Geschichten ihn besonders bewegt haben und wie er es selbst mit Freundschaften hält.

GRANDIOS
Jeder kennt die Situation. Als Kind spielt man seinen Berufswunsch. Ist bei Dir ein Traum in Erfüllung gegangen, als Du während der Corona-Krise Deine Radiosendung von daheim moderiert und aus dem Wohnzimmer „Guten Morgen“ gewünscht hast?

 

MARCUS FAHN

Da hat sich in der Tat ein Kreis geschlossen. Meine Radiolaufbahn habe ich tatsächlich in meinem Kinderzimmer begonnen. Mit zwölf hatte ich zum ersten Mal den Wunsch Radiomoderator zu werden. Ich habe mit Plattenspieler und Kassetten-Rekorder Radio gespielt. In den letzten Jahren habe ich im Spaß zu meinem Chef immer wieder mal gesagt: „Mein langfristiger Plan wäre, morgens von zu Hause aus zu senden. Aufstehen, kurz ins Bad gehen und dann fange ich aus dem Wohnzimmer an“. Dass wir durch die Corona-Krise schneller als gedacht dahin gekommen sind, war so nicht geplant. 

Als Jugendlich spielt Marcus Fahn Radiomoderator.

Wir schmunzeln, aber eigentlich ist das ein ernstes Thema. Das Corona-Virus wird in den kommenden Monaten, vielleicht Jahren, viele Menschen einschränken. Kleinere Treffen, keine Großveranstaltungen, Abstandsregelungen und die Ausgangsbeschränkungen zu Beginn der Krise: Wie hast Du Deine Beziehungen und Deine Freundschaften während der Zeit gepflegt?

 

Ich hatte Glück. Meine wichtigsten Bezugspersonen, meine Freundin und ihr kleiner Sohn, waren die komplette Zeit bei mir. Auch während der Ausgangssperre. Das war ein großer Vorteil. Ich habe bei meiner alleinstehenden Mutter erlebt, in so einer Phase helfen Telefonate und Facetime nur bedingt. Der direkte Kontakt bleibt entscheidend. Für mich war die Umstellung nicht so groß. Meine engsten und ältesten Freunde wohnen in Franken. Wir sehen uns sowieso nicht so oft. Wir haben in dieser Zeit noch öfter telefoniert als sonst. Wir hatten teilweise auch Video-Weinabende. Wir haben uns dann zu fünft zur Videokonferenz verabredet und uns über Gott und die Welt unterhalten. Nebenher gab es Wein. Auch mit engeren Freunden hier in München habe ich deutlich öfter telefoniert. Und die Frage „wie geht’s dir, bleib gesund“ hat in der Zeit eine ganz andere Bedeutung bekommen als in der Zeit vor Corona.

Ein sympathisches Lächeln auf dem Bildschirm–Marcus Fahn im Videochat.

„Niemand ist perfekt. Meine Freunde nicht, ich auch nicht.“

Was ist Freundschaft für Dich? Was zeichnet für Dich Freundschaft aus?

Vertrauenswürdigkeit ist für mich essenziell. Verlässlichkeit. Gegenseitige Treue. Es passieren auch in Freundschaften Dinge, wo man im Nachhinein sagt: „O.k., das war jetzt irgendwie nicht so cool. Aber wir sind beide gut damit umgegangen. Wir haben beide daraus gelernt, uns besser zu verstehen, gewisse Sachen zu verzeihen oder aber über gewisse Eigenschaften hinweg zu schauen“. Niemand ist perfekt. Meine Freunde nicht, ich auch nicht. Vertrauen, Verbindlichkeit, Treue und Verlässlichkeit: Das sind Punkte, die für mich sehr wichtig sind. Von solchen Freunden gibt es in meinem Leben nicht viele. Die meisten meiner Freunde kenne ich schon sehr lange. Aus der Grundschule, aus der Zivildienstzeit. In den letzten Jahren sind nur noch wenige dazu gekommen. Es sind zwei Handvoll Menschen, die ich als wirkliche Freunde bezeichnen würde. Natürlich gibt es viele Menschen mit denen ich befreundet bin, die mir nahestehen, die ich gerne habe und mit denen ich gerne spreche, aber von diesen engsten Freunden gibt es nicht viele. Ich finde, das reicht auch. Manchmal ist weniger mehr. 

 

Wie pflegst du Deine engsten Freundschaften?

Da wir räumlich getrennt sind, läuft viel über die moderne Kommunikation. Wir sehen uns nicht oft. Vielleicht sieben oder acht Mal im Jahr. Aber wir telefonieren fast jeden Tag. Wir wissen viel aus unserem jeweiligen Alltag und nehmen dadurch ein bisschen am Alltags- und Familienleben des anderen teil. Das finde ich wichtig. Die profanen kleinen Alltagsgeschichten, die machen es eben auch aus. Dass man im Großen und Ganzen auf einer Linie liegt, aus der Vergangenheit voneinander weiß und sich vertraut, das ist eh klar. Aber Freundschaft lebt auch davon, dass man den Alltag des anderen kennt. Wir versuchen, das eine oder andere Wochenende zusammen zu verbringen. Wenn das nicht geht, gilt – wann immer möglich – das persönliche Gespräch. Am Telefon, per FaceTime oder WhatsApp. 

 

In der Krise hast Du aus dem Wohnzimmer gesendet. Wie läuft so eine Radio-Sendung von zu Hause ab? 

#GemeinsamSindWirStark

Bei einer Homeoffice-Sendung kommt nur die Moderation von zu Hause. Ich habe zwar Zugriff auf alle Elemente, ich sehe den Sendeablauf. Ich sehe, welche Musik als nächstes kommt und ich kann auch Sachen einfügen. Aber ich kann nichts selber abspielen. Das ist im Studio anders. Im Studio bin ich nicht nur für die Moderationen, sondern auch für den kompletten Sendeablauf, auch technisch gesehen, verantwortlich. Im Homeoffice übernimmt den Sendeablauf und die technischen Dinge ein Sendetechniker, der im Studio sitzt. Mit ihm und der Regie bin ich über eine Dauerleitung verbunden. Das Technische ist ausgelagert, alle Moderationen kommen live von zu Hause. Das Faszinierende ist: man merkt es nicht. Ich habe ein gutes Mikrofon und solange die Leitung sicher läuft, ist das für den Hörer eine ganz normale Sendung. 

#GemeinsamSindWirStark war das Motto, mit dem Bayern 1 in der Corona-Krise rund um die Pandemie berichtet hat. Was habt Ihr unter diesem Hashtag alles gemacht?

Auch für uns Radiomacher kam die Krise plötzlich. Wir haben uns im Sender zusammengesetzt und beschlossen: „Wir können nicht weiter normales Programm machen, wenn für viele da draußen die Welt zusammenbricht.“ Wir kamen dann recht schnell auf die Idee „#GemeinsamSindWirStark“. Das war unsere Überschrift über dem Programm von Bayern 1. In den verschiedenen Phasen der Krise haben wir unter diesem Label unterschiedliche Aktionen gestartet. 

 

Zum Beispiel?

Als der Lockdown ausgerufen wurde, haben wir die Menschen gefragt, wie es ihnen damit geht, ob sie positive Ideen für andere haben, damit man gemeinsam durch die Krise kommt und voneinander lernen kann. Da kamen schöne Geschichten zurück. Zum Beispiel eine ältere Dame, die eine Brieffreundschaft mit dem sechsjährigen Sohn ihrer Nachbarn angefangen hat. Sie hat gesagt: „Dann bin ich nicht so alleine und der Kleine lernt Briefe schreiben“. Das war schon süß. Lustig war auch das Ehepaar, das jeden Abend ein Kochduell gegeneinander ausgetragen hat. Mit Punkten und Wertung wie im Fernsehen. Es gab viele kleine Alltagsgeschichten, an denen du gemerkt hast, selbst in dieser „beschissenen Situation“, gibt es tolle Ideen, schöne Momente.

 

Welche Rolle hat die Musik gespielt?

In der zweiten Phase haben wir angefangen, für Menschen, die in der Krise Besonderes geleistet haben, einen bestimmten Song zu spielen. Wir haben morgens und abends um kurz vor sieben immer „That’s what friends are for“ gespielt. In einer besonderen Version. Das Original ist ja von Dionne Warwick. Es gibt aber auch eine deutsche Version des Liedes. Diese beiden haben wir zusammengemischt und diese Version dann gespielt. Zum Beispiel für die Lastwagenfahrer, die unter widrigsten Bedingungen weitergefahren sind, für Supermarktmitarbeiter, die Großartiges geleistet haben, und natürlich für die Menschen in der Pflege, in den Krankenhäusern. Für alle diese und weitere Berufsgruppen haben wir unsere #GemeinsamSindWirStark-Version gespielt und versucht, jeweils eine Berufsgruppe hervorzuheben und ihr dann speziell zu danken. 

Irgendwann haben dann die Geschäfte wieder aufgemacht. Also haben wir das Programm erneut angepasst und „Bayern sperrt wieder auf“ ins Leben gerufen. Da konnten sich vor allem kleine Geschäfte bei uns melden, ihre Kunden grüßen und mit einem Musikwunsch sagen: „Wir sind wieder da. Wir haben wieder auf. Ihr könnt vorbeikommen.“ 

 

BR-Radiomoderator Marcus Fahn mit guter Laune im Homeoffice.

Corona-Helden

Ihr habt auch Corona-Helden gesucht.

Wir haben uns gefragt, was wir Menschen Gutes tun können, die in den letzten Wochen und Monaten über ihr Energielevel hinaus gearbeitet haben. Also haben wir „Corona-Helden“ gesucht. Unsere Hörer konnten Menschen aus ihrem Freundeskreis, Umfeld oder Arbeitskollegen vorschlagen, bei denen sie sich sicher waren, die haben eine Auszeit verdient.“ Wir haben unsere Helden dann mit einem Wellness-Wochenende überrascht und sie in verschiedenen Wohlfühlhotels in ganz Bayern geschickt. Damit konnten wir auch gleich Hotels unterstützen.

 

Welche Geschichte hat Dich am meisten berührt? 

Es gab viele anrührende Momente. Ich kann mich an ein Telefonat erinnern, in dem wir eine Mutter mit ihrer Tochter zusammengebracht haben. Die Mama war in einem Pflege- oder Seniorenheim und hatte Geburtstag. Die Tochter konnte aufgrund der Ausgangssperre nicht bei ihr sein. Sie waren dann übers Radio verbunden. An diesem Moment teilnehmen zu dürfen, war herzzerreißend traurig, aber auch richtig schön. Dieses Telefonat hat gezeigt, wie schlimm es war, dass sich Menschen, die sich so nahe stehen, nicht sehen konnten. Gleichzeitig hat man die Verbundenheit gemerkt, die Liebe und Freundschaft zwischen den beiden.

Bei den Corona-Helden hatten wir eine Krankenschwester, die auf einer Covid-19-Station gearbeitet hat. Eine alleinerziehende Mama mit vier Kindern. Sie hat es in der Krise geschafft hat, ihren Job und ihre Kinder unter einen Hut zu bringen. Wir haben sie in ein Wellness-Wochenende geschickt. Ihre Mutter hatte sie vorgeschlagen. Das allererste Telefonat, das ich bei den Corona-Helden geführt habe, war mit einer Frau, die acht Kinder zu Hause hat. Ihr Lebensgefährte ist Lastwagenfahrer, also viel unterwegs. Er hatte seine Frau vorgeschlagen, weil er so beeindruckt war, wie sie das mit den acht Kindern macht. Wie sie Haushalt und Homeschooling schafft. Eines der Kinder war noch ganz klein. Auch dieses Telefonat war ein schöner Moment. Es gab noch viele andere, aber die drei sind mir gut in Erinnerung geblieben.

Radiomoderator Marcus Fahn live im Bayern1-Studio

„Die Bayern können Krise“

Wie hast Du das Verhalten der Menschen in der Krise wahrgenommen? Die Solidarität, das Miteinander: Haben die Bayern das gut gemacht?

Soweit ich das beurteilen kann, schon. Im Großen und Ganzen hat diese Krise viel Gutes in den Menschen hervorgebracht. Der bayerische Zusammenhalt ist ja oft ein Klischee. Aber in dieser Krise hat sich das schon gezeigt. Ich weiß nicht, wie viele tausend Mails wir bekommen haben, in denen Menschen ihre Hilfe angeboten haben. Das war sehr beeindruckend. Oder auch in meinem direkten Umfeld: Bei uns im Mehrfamilienhaus hing nach der Ausgangsbeschränkung unten ein Zettel „Hallo, hier ist die Familie XY aus dem 3. Stock. Wenn Sie nicht einkaufen gehen wollen oder können oder zur Risikogruppe gehören, sagen Sie uns kurz Bescheid, wir bringen Ihnen was mit“. Das ist nur eine Kleinigkeit, aber das müssen die nicht machen. Solche Geschichten gab es zuhauf. Das hat mich sehr beeindruckt.

 

Täglich zum Thema Gemeinschaft, Solidarität, Freundschaft senden, gehen einem da nicht irgendwann die themenbezogenen Lieder aus?

Stimmt. Wobei wir uns – mit Ausnahme von „That’s what friends are for“ – musikalisch nicht groß angepasst haben. Es ist ja wichtig, dass der Sender verlässlich ist, und die Hörer auch in der Corona-Zeit das Musikprogramm bekommen, das sie gerne hören. Insofern mussten unsere Musikredakteure keine Freundschaftssongs überstrapazieren und raussuchen. 

„Fahns finale Frage“ heißt es immer am Ende Deiner Sendung. Bei uns heißt es, GRANDIOS’ letzte Frage: Wie viele Freunde braucht der Mensch?

Man braucht nicht viele gute Freunde. Auf die engen Freunde sollte man sich aber verlassen können. Darum sollte man sie sehr bewusst auswählen. Freundschaft zeigt sich, wenn es mal nicht so gut läuft. Die Menschen, die da sind, wenn es schwierig wird und die dann auch da bleiben, das sind die wahren Freunde. Die zu finden und diese Freundschaften zu pflegen, das ist es. Wichtig ist auch: Freundschaft ist keine Einbahnstraße. Man sollte für seine Freunde genau soviel tun, wie man sich das für sich selber wünscht. Ich glaube, damit kommt man dann ganz gut durchs Leben.

 

Marcus – Vielen Dank für die Zeit, die Du Dir für GRANDIOS genommen hast! 

Dankeschön, Euch und allen Lesern alles Gute.

Radiomoderator Marcus Fahn deutet auf das Bayern1-Logo.

 

 

 

 

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