Michael Richtmann steht mit verschränkten Armen im Stall und lacht in die Kamera.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DA BRENNT
NOCH LICHT IM STALL

Von
Julia Wächter

Bilder
Bernhard Spoettel
 

Mit Herzblut für den Familienbetrieb

Lange Tradition, ungewisse Zukunft: Michael Richtmann ist in den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern eingestiegen.
Er will den Hof übernehmen. Kann man als Landwirt überleben? Aufgeben wollte der Jungbauer nicht. 
Heute blickt er hoffnungsvoll nach vorne.

 

Noch etwas verschlafen und wackelig auf den Beinen, ansonsten aber putzmunter und kerngesund: Zwei Kälbchen haben am Morgen das Licht der Welt erblickt. Michael Richtmann freut sich. Sanft streichelt der Landwirt durch ihr weiches Fell, gibt ihnen Milch zu trinken. In den nächsten Tagen wird er für die Kälber „Mama-Ersatz“ sein. Momente wie diese zeigen: Da ist einer am richtigen Platz. Nach seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhändler und einem Landwirtschaftsstudium in Triesdorf arbeitet Michael Richtmann nun wieder dort, wo er aufgewachsen ist: Im elterlichen Milchviehbetrieb in Kondrau. Früher hieß es meist: „Der Jüngste übernimmt den Hof“, da wurde nicht lange gefragt. Heute ist das nicht mehr so, sagt der 27-Jährige und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Der Jüngste in der Familie bin ich trotzdem.“

Michael ging es nicht anders als vielen jungen Menschen, die sich beruflich orientieren und ihre Zukunft planen. Die Arbeitswelt ist vielfältig und voller Möglichkeiten. Landwirtschaft zählt nicht zu den Boom-Branchen. Michael hat viele Interessen, engagiert sich bei der Feuerwehr und in der Katholischen Landjugendbewegung. Nach dem Studium standen ihm alle Türen offen. Mit dem Bachelor in der Tasche konnte es richtig losgehen. Doch gerade da sah es düster aus. Es war im Jahr 2015, der Milchpreis war völlig am Boden. „Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt“, erinnert sich Michaels Vater, Hubert Richtmann. Umso mehr erfüllt ihn die Entscheidung seines Sohnes, in den elterlichen Betrieb einzusteigen, mit Stolz. In ein paar Jahren wird Michael den Hof übernehmen und damit den Weg einschlagen, der für ihn schon immer an erster Stelle stand. „Ich hab mir nie etwas anderes vorstellen können und auch nicht vorstellen wollen“, sagt er.

Ein junger Landwirt streichelt eines seiner Kälber.

Sechsundvierzig Damen warten nun auf ihn. Echte Schwergewichte. Eine ausgewachsene Kuh kann stolze 800 Kilogramm auf die Waage bringen. Links im Stall haben die jungen Kühe ihren Platz, auf der rechten Seite die Muttertiere. „Die kennen mich“, sagt Michael, „sie wissen, dass ich es bin.“ Neugeborene männliche Kälber gehen in den Verkauf, weibliche bleiben auf dem Hof. Seit rund fünf Jahren bekommen sie Namen, durch die Abstammung und Geschichte der Tiere leichter im Gedächtnis bleiben. Gerda, Maria, Ina oder Elena heißen sie. Der Anfangsbuchstabe orientiert sich am Namen der Mutter. „Bei einer Geburt fiebert und leidet man mit der Kuh“, erzählt der junge Landwirt. Wenn alles glatt läuft, „ist das das Schönste, was passieren kann.“ Michael hat schon viele Geburten miterlebt. Geht es nach ihm, dürfen gerne noch einige folgen. „Die Frauennamen gehen mir so schnell nicht aus.“

Auch in Zukunft von der Landwirtschaft leben zu können, darauf hoffen nur noch wenige der kleineren Familienbetriebe. Produktions- und Nebenkosten steigen seit Jahren. Der Milchpreis bietet nach wie vor keinen Anlass zu Freudensprüngen.
Im Gegenteil. Der Preisdruck wird zum Teufelskreis. Will sich ein Betrieb weiter finanzieren, muss er die Milchproduktion erhöhen. Dafür braucht es mehr Kühe. Zusätzliche Kühe benötigen neue Ställe. Wer die Investition nicht stemmen kann, hat ein Problem. Viele Betriebe geben auf. Die Statistiken sind eindeutig: Pro Jahr schließen rund fünf Prozent der Milchbetriebe in Deutschland. Hinter den Zahlen stehen Schicksale. Meist trifft es die kleinen Betriebe. Mit den Tieren geht auch die Tradition. Im Stall erlischt das Licht für immer. Mitwachsen oder schließen – dazwischen gibt es wenig Spielraum.

Kühe in einem Stall, die grade am Fressen sind und in die Kamera blicken.
Michael Richtmann krault ein Kalb am Kopf.

Alles leer, alles dunkel - eine Horrorvision.

Eines Tages in den Stall zu kommen, alles leer, alles dunkel: Für Michael ist das eine Horrorvision. „Das möchte ich nicht miterleben.“ Nachdenklich blickt der ansonsten lebensfrohe Landwirt zu seinen Kühen. Landwirtschaft sei nicht mit industriellen Betrieben oder Firmen vergleichbar, meint er: „Jede Firma muss Alternativen suchen, wenn es nicht läuft. Ganz so einfach ist das in der Landwirtschaft aber nicht.“ Es hänge mehr dran.

Mehr – dazu gehört vor allem die lange Tradition. Viele kleinere Betriebe sind seit Jahrhunderten fest in der Familie und am Ort verankert, auch der der Richtmanns mit 50 Hektar Land und 7,5 Hektar Wald. Vor kurzem haben sie sich auf Spurensuche begeben und Ahnenforschung betrieben. Das Ergebnis: Die Wurzeln des Hofes gehen wohl bis ins 17. Jahrhundert zurück. Eine lange Zeit. „Da will man nicht das letzte Glied in der Reihe sein.“ Mit einer Landwirtschaft zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal bei Null zu beginnen, sei zudem aussichtslos. Alle Felder, alle Flächen sind vergeben. Wer einsteigen möchte, muss immense Summen investieren. Die Möglichkeiten von Privatpersonen oder Familienbetrieben übersteigt das weit. Auch Vater Hubert weiß: „Ist ein Hof einmal aufgegeben, dann für immer.“ Er selbst hat den Betrieb nach dem Tod seines Vaters übernommen und musste vieles mit seiner Frau Gerlinde alleine stemmen. Mit eigenen Händen hat er den Stall gebaut, nur beim Dach hatte er etwas Hilfe. „Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen“, überlegt Michael: „Heute heißt es überall: schnell fertig sein, um schnell Geld zu verdienen.“ Technik, Maschinen, Automatisierung – es hat sich viel verändert in der Landwirtschaft. Doch so nützlich das ist, den menschlichen Blick auf Natur und Tiere kann keine Maschine ersetzen.

Hubert und Michael Richtmann, Landwirte mit Leidenschaft.

Auch Vater Hubert weiß: „Ist ein Hof einmal aufgegeben, dann für immer.“ Er selbst hat den Betrieb nach dem Tod seines Vaters übernommen und musste vieles mit seiner Frau Gerlinde alleine stemmen. Mit eigenen Händen hat er den Stall gebaut, nur beim Dach hatte er etwas Hilfe. „Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen“, überlegt Michael: „Heute heißt es überall: schnell fertig sein, um schnell Geld zu verdienen.“ Technik, Maschinen, Automatisierung – es hat sich viel verändert in der Landwirtschaft. Doch so nützlich das ist, den menschlichen Blick auf Natur und Tiere kann keine Maschine ersetzen.
 

Wie im Bilderbuch

Auf Schotterwegen und vorbei an Wegkreuzen geht es zu den Feldern. Die Richtmanns bauen Mais, Weizen oder Gerste an, das später zu Futter verarbeitet wird. In einer Landwirtschaft muss alles aufeinander abgestimmt sein: die Fruchtfolge auf dem Feld, das Tierfutter, der Dünger. „Ein großer Kreislauf“, sagt Michael, nimmt eine Bodenprobe und klopft sich die Erde von den Fingern. Die Winter in der Oberpfalz sind zäh; Äcker erwärmen sich nur langsam und brauchen besondere Aufmerksamkeit. Nur auf gesunden Böden wächst gutes Futter für beste Milch. Bei gutem Wetter reicht der Blick von den Feldern bis nach Waldsassen. Die Kirchtürme der Basilika ragen zwischen den Häusern hervor. Wenn die Sonne die Felder berührt und langsam am Horizont versinkt, wirkt das wie aus dem Bilderbuch. Die Menschen würden sich gerne eine romantische Vorstellung von der Landwirtschaft bewahren, meint Michael. Es hingen eben Kindheitserinnerungen dran.Mit der Kanne loszuziehen und Milch vom Bauern nebenan zu holen, gehöre auch dazu.

„Wir sehen, dass es funktioniert.“

Landwirt Michael Richtmann prüft den Ackerboden.

Traumberuf ohne Feiertage

Kindheitserinnerungen werden seit Kurzem im Supermarkt wach. Dort gibt es die Milch der Richtmanns, frisch vom Hof und zum Selberzapfen. Fast wie früher. Nur aus den Milchkannen sind Glasflaschen geworden. Ein Konzept, das frische Milch einfacher denn je für alle zugänglicher macht. Lange Transportwege, der Umweg über die Molkerei, Verpackungen und Müll gehören damit der Vergangenheit an. „Unsere Euphorie war groß“, berichtet Michael. Er erinnert sich noch gut an die anfänglichen Überlegungen in der Familie: Wenn sie nur einen Bruchteil der Milchmenge verkaufen würden, die täglich über die Supermarktkasse wandert, wäre das Projekt ein voller Erfolg. Und tatsächlich – alle Erwartungen wurden übertroffen! Regionale Produkte zu fairen Preisen seien gefragt, meint Michael. Menschen setzen sich wieder mit der Frage auseinander, was gut für sie und die Umwelt ist. So kommt der Zeitgeist dem Projekt entgegen. „Ein Kunde hat mir gesagt: Das ist das Beste, was ich jemals getrunken habe“, berichtet Michael und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Das Beste überhaupt.“ Zuspruch, der gut tut. Ihre positiven Erfahrungen möchten die Richtmanns teilen, um auch Familienbetrieben in anderen Regionen einen Weg aus dem Teufelskreis zu zeigen. 

Ein junger Bauer trinkt ein Glas frische Milch und hält die Flasche in der anderen Hand.

Lokale Bäckereien werden nun mit Milch aus Kondrau beliefert und immer mehr Supermärkte in der Region sind vom Frischmilch-Konzept überzeugt. Bald wird es noch mehr Oberpfälzern und Oberfranken möglich sein, die Milch der Richtmanns ganz frisch in der eigenen Flasche mit nach Hause zu nehmen. Grund genug, voller Hoffnung in die Zukunft zu blicken, meint Vater Hubert: „Wir sehen, dass es funktioniert.“ Michael hat seinen Traumberuf gefunden – auch ohne Feiertage und Wochenenden, auch wenn der Tag auf dem Hof um halb sechs beginnt und mit dem Abendessen noch lange nicht zu Ende ist. Seit Kurzem brennen im Stall nachts noch die Lampen. Kuh Elena hat den Lichtschalter gefunden.

Die Bayrische Milchkönigin 2017/2018

„Mutig, zuversichtlich und glaubensstark:
Landwirte wie die Richtmanns brauchen wir heute!“

Sonja Wagner, Bayerische Milchkönigin 2017/2018


Eine Zukunft in der Landwirtschaft? – Ja!

Große Traktoren und süße Kälber begeistern – auch mich, lange bevor ich 2011 mein Landwirtschaftsstudium begonnen habe. Sich als junger Mensch aber bewusst für die Landwirtschaft zu entscheiden, bedeutet vor allem eines: Verantwortung übernehmen. Es erfordert Mut. Doch die junge Generation glaubt an morgen. In ihr keimt der Wunsch, auf unserer Erde Spuren zu hinterlassen, nahe an der Schöpfung zu sein, mit Achtsamkeit und Weitsicht Verantwortung für die Welt zu übernehmen und sie nachhaltig mitzugestalten. So wird es möglich, einen Ort zu schaffen, an dem es sich leben und arbeiten lässt.

 

Elisabeth Homeier, Referentin für Agrar-, Verbraucherschutz- und Ökologiefragen der Katholischen Landjugendbewegung Regensburg

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