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Ausgabe 03 Identität

Mia san a Peergroup

By August 11, 2021No Comments

Redaktion: Arno Dietsche I Fotografie: Bernhard Spoettel

Mia san a Peergroup

Rock’n Roller, Hippies, Punks, Gothics, Raver. Neue Stile und Trends von Jugendkulturen kommen wie aus dem Nichts, kein Designer hätte sie sich ausdenken können. Alles entstand und entsteht in den Köpfen von jungen Menschen, für die gerade eben noch Papa und Mama die einzigen Vorbilder waren.

Das Ablösen und Abgrenzen von der Generation der Erzeuger war im Extremfall reine Opposition. Hatte Papi als Twen lange Haare, reduzierte der Sohn konträr auf fünf Millimeter. War! Opposition ist keine Jugendkultur mehr.

Eine Peergroup definiert sich auch nur selten noch durch extreme Sprach- oder Dresscodes. Die meisten Peergroups sehen sich selber als Freundeskreis und suchen nicht nach lauten Looks oder provokanten Posen. Die kleinsten und feinsten Unterschiede reichen aus, um sich einer Gruppe als zugehörig zu markieren und gleichzeitig von anderen Leuten zu distanzieren. Wer das nicht drauf hat, ist eben nicht drin. Vor Jahren gab es noch In- und Out-Listen. Mittlerweile zu kompliziert, wegen Unübersichtlichkeit und Beschleunigung, wegen Anything goes. So scharf schaut kein Trendscout mehr, so schnell schreibt kein Redakteur. Der Hase ist vom Igel nicht mehr zu unterscheiden – die Kunst ist heute, deshalb nicht zu leiden. Der Rapper puncht seine Lines in die Nacht, die Reime haben ihn in Schwung gebracht. Wenn der gute alte Goethe das hören könnte.

Im Matrosenanzug oder in der Haute-Couture-Robe statt in Lederhose und Dirndl aufs Oktoberfest in Stuttgart oder Shanghai zu gehen, ist also nicht lustig. Für bayerische Regionen gibt das Außenministerium für solche Outfits sogar eine Reisewarnung.

Charles H. Cooley (1864 –1929) hat das Konzept der Primärgruppen entwickelt und darf uns deshalb als Primus in der historischen Entwicklung dieses Fachbegriffs der Soziologie und Pädagogik aus der Vergangenheit zuwinken. Aber Peergroups gab es schon bei den Primaten.

Was es noch nicht so lange gibt, ist die krasse kommerzielle Bewirtschaftung dieses ur menschlichen Emanzipationsprozesses. Wenn die Jugendlichen mit gleich gemusterten Socken nach innen und außen Zugehörigkeit demonstrieren, dann ist das für die Gruppen-mitglieder oder deren Ernährer eine finanziell stressfreie Übung. Der Einsatz von aktuellen iPhones und Taschen von Gucci bringt den Käufern hohen Status und den Unternehmen hohen Gewinn. Welche liebenden Eltern können mitansehen, wie ihr Kind gedisst wird, weil es ohne das Teil nicht mithalten kann, wo doch alle! das Teil schon haben.

Nichts gegen den urmenschlichen Emanzipationsprozess. Aber entschiedenes Kontra gegen jeden hemmungslosen Konsumexzess.

Die Moral von der Geschicht: Vorbildlich ist der Verzicht. Das ist nicht von Wilhelm Busch, das ist älter, das gab es schon bei den Primaten.

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