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Ausgabe 03/22 Wahrheit

Die Wahrheit ist

By September 8, 2022Dezember 5th, 2022No Comments

GRANDIOS - Die Wahrheit ist...

Lesedauer: ca. 8 Min. | + Video zum Beitrag

Autor: Stephan Baier | Illustrationen: Carina Crenshaw

Eine für alle verbindliche, objektive Wahrheit gebe doch gar nicht, meinen viele. Und falls doch, dann sei sie nicht erkennbar. Und falls doch, dann sei sie nicht sagbar. Und falls doch, dann sei das ziemlich gefährlich.

Starten wir einen – zugegeben, sehr vorläufigen – Versuch, eine Brücke zwischen unserem Bewusstsein und der Wirklichkeit zu schlagen.

… hammerhart

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Ist sie nicht bloß, wie der berühmte Psychiater Paul Watzlawick schrieb, „ein Messer ohne Klinge, an dem der Griff fehlt“? Probieren wir es aus. Nehmen Sie einen möglichst schweren Hammer in die eine Hand. Die andere Hand legen Sie flach auf einen beliebigen Tisch. Dann holen Sie aus und schlagen mit dem Hammer so fest Sie können auf den Daumen. Ja! Spüren Sie die Wirklichkeit? Falls nicht, wiederholen Sie den Vorgang noch zwei- oder dreimal. Lieber nicht? Was Sie jetzt fühlen, hat universale Geltung: Alle Menschen aller Sprachen und aller Zeiten fühlen unter vergleichbaren Umständen genau dasselbe – Schmerz. Doch dieser akute Schmerz ist ganz und gar Ihr Schmerz. Sie allein fühlen ihn. Er gehört Ihnen! Er beweist die Wirklichkeit des Hammers, der Hand – und (das ist jetzt die gute Nachricht) Ihrer Existenz. Glückwunsch!

… denkbar

Herr Descartes hatte ein Problem. Er hatte gerade keinen Hammer zur Hand, aber sehr grundsätzliche Zweifel. Ist nicht alles nur Trug und Traum? Können wir nicht an allem zweifeln? Aber so systematisch er auch zweifelte – eines blieb unbezweifelbar: Er selbst als Zweifelnder. Zweifeln ist Denken. Und so hatte Herr Descartes den einen festen Punkt gewonnen – und begründete damit seinen Ruf als Philosoph. Er erkannte sich selbst als Denkenden: „Ich denke, also bin ich.“ (Cogito ergo sum). Auch wenn die Reichweite unseres Denkens recht unterschiedlich sein mag, hat er damit doch Recht. Wir Menschen entdecken uns selbst als Zweifelnde und Denkende. Wir denken nach über uns selber und über andere, über den Sinn des Seins und darüber, wie alles mit allem zusammenhängt. Ob Meerschweinchen und Flöhe das auch tun, ist bisher nicht bewiesen.

… praktisch

Vielleicht haben Sie und Herr Descartes schon festgestellt, dass wir nicht zuerst die Frage nach der Wirklichkeit klären und dann entsprechend leben können. Wir leben nämlich immer schon so, als sei die unseren Sinnen zugängliche Wirklichkeit wahr. Klarer formuliert: Während Herr Descartes so tat, als könne er sich den Luxus erlauben, an allem zu zweifeln, musste er doch atmen, schlafen, trinken, essen und kacken. Er hätte ruhig schreiben können: Ich kacke, also bin ich. Aber vermutlich wäre er dann nicht als großer Philosoph in die Geschichte eingegangen. Wahr ist es dennoch: In unserem Alltag gehen wir selbstverständlich und ohne großes Nachdenken davon aus, dass es eine Wahrheit des Menschseins gibt, und dass wir uns an seine Spielregeln halten müssen. Schon, um keinen Darmverschluss zu kriegen.

… logisch

Der Satz „Es gibt keine absolute Wahrheit“ beansprucht selbst, wahr zu sein – und widerlegt damit seine Aussage. Wenn es keine Wahrheit gibt, kann auch dieser Satz nicht wahr sein. Dann aber ist er unsinnig. Auch Aussagen wie „Alles ist relativ“ sind in sich widersprüchlich, weil sie sich selbst nicht relativieren, sondern absolut setzen. Darum kann maximal „fast alles“ relativ sein – womit bewiesen wäre, dass etwas absolut gilt. Vertrauen wir zunächst unserem eigenen Denken: Wenn es Wahrheit nicht gäbe, könnten wir vielleicht vegetieren, aber nicht logisch denken. Tun wir aber! Ein paar Beispiele: Wir gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass alles, was ist oder geschieht, einen ausreichenden Grund hat. Oder dass etwas nicht zugleich sein und nicht-sein kann. Ich kann zwar zugleich Vater und Sohn sein (und bin es tatsächlich), aber nicht in Bezug auf dieselbe Person.

Logische Fallen beweisen nur, dass wir tatsächlich auf die Logik des Denkens vertrauen. Dazu ein Klassiker aus antiken Zeiten: „Ein Kreter sagt: Alle Kreter lügen!“ Darf man ihm glauben? Noch ein logisches Rätsel: Ein Räuber entführt das Kind einer Frau, und schreibt ihr dann diese SMS: „Wenn du errätst, was ich mit deinem Kind tun werde, gebe ich es dir zurück.“ Die Mutter antwortet: „Du wirst mir mein Kind NICHT zurückgeben.“ Was macht er jetzt?

… erforschbar

Sollte Ihr Daumen aus Punkt 1 wieder gut verheilt sein, nehmen Sie bitte jetzt einen Ziegelstein und halten Sie ihn im Abstand von einem Meter über Ihren Fuß. Auch wenn wir beide keine Spezialisten für Stochastik sind: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Ziegelstein, sobald Sie ihn loslassen, nach oben, links oder rechts wegfliegt, halten wir wohl beide für eher gering. Zu gering jedenfalls für eine Wette. Also halten wir die Schwerkraft für objektiv. Wir gehen von Gesetzmäßigkeiten in der wahren Wirklichkeit aus, die wir beobachten, messen, erforschen können.

Mehr noch: Wir versuchen mit diesen Vorgaben zu leben – auch ohne sie zu erforschen oder berechnen zu können. Ein kleines Kind, das Fahrradfahren lernt, passt sich einer ganzen Menge physikalischer Gesetze an, ohne von diesen je gehört zu haben. Nun könnte man meinen, nur die Gesetze der Physik, der Chemie und der Mathematik seien universal. Aber die Sprache der Musik ist es offenbar auch, wie die Popularität Mozarts in Japan belegt – obgleich Musik wie jede Kunst dem Wandel der Zeiten und dem Geschmack der Mentalitäten unterworfen ist. Und was ist mit Fußball? Nicht nur seine globale Faszination lässt ahnen, dass es so etwas wie Menschheit gibt. Überreichen Sie irgendwo auf der Welt irgendwelchen Kindern einen Ball – und schon geht’s los!

… immer größer

Wir tragen eine unstillbare Sehnsucht nach umfassendem Wissen, voller Erkenntnis und der ganzen Wahrheit in uns. Das explosionsartige Wachstum des Wissbaren und die zunehmende Diversifizierung der Wissenschaften legen davon Zeugnis ab. Vor zwei Jahrhunderten lachten manche Wissenschaftler schenkelklopfend über die naiven Menschen früherer Zeiten, die die Erde für den Mittelpunkt des Universums hielten. Heute lächeln wir über diese naiven Menschen des 19. Jahrhunderts, die damit rechneten, dass die Menschheit bald alle Geheimnisse der Welt und alle Rätsel des Universums erforscht und durchschaut haben würde.

Heute wissen wir um die Grenzen des Gewussten und die Weiten des Wissbaren. Wir wissen, dass wir nur einen kleinen Bruchteil der Ozeane erforscht haben, dass Tier-Gattungen aussterben, bevor wir sie überhaupt kennenlernen, dass das Universum jenseits unseres eigenen Sonnensystems unerschließbare Weiten bereithält, dass wir mit unserem Erforschen und Erfinden nie an ein Ende kommen werden. Die wahre Wirklichkeit ist immer größer als die Reichweite unseres Forschens.

… gemeinschaftsbildend

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Unsere Gesellschaft zerfällt in geschlossene Blasen, in denen sich Menschen austauschen und wechselseitig bestätigen, die mehr oder weniger gleicher Meinung sind. Vor allem, wenn es gegen andere geschlossene Blasen geht. In den angeblich sozialen „Social Media“ sammeln wir Likes und Friends – nicht argumentierten Widerspruch. Die gepflegte Debatte versinkt im Morast der Beschimpfungen und Verdächtigungen. Weil das aber keiner auf Dauer aushält, tummeln wir uns lieber unter Gleichgesinnten. Damit geht der Gesellschaft aber die Fähigkeit verloren, um das Wahre und Gute zu ringen – um ein Gemeinsames zu finden. Gesellschaft braucht aber einen Konsens, der zumindest so weit reicht, dass wir zivilisiert darüber streiten können, was wahr und gut ist.

Ohne einen minimalen Konsens über die Regeln unseres Zusammenlebens und unserer Debatten kann keine Demokratie und keine freie Gesellschaft funktionieren. Ein simples Beispiel: Hand aufs Herz, wir alle halten uns nur teilweise an die Vorschriften im Straßenverkehr. Wir parken zu wild, fahren zu schnell und einige spielen sogar mit ihrem Smartphone, während sie am Steuer sitzen. Spätestens wenn ein Uniformierter uns rechts heranwinkt, erinnern wir uns daran, dass es objektive Regeln im Straßenverkehr gibt. Die Straßenverkehrsordnung ist so etwas wie die Wahrheit im Straßenverkehr. Es rächt sich, wenn wir sie verfehlen.

… das Maß aller Dinge

Wir tragen eine unstillbare Sehnsucht nach umfassendem Wissen, voller Erkenntnis und der ganzen Wahrheit in uns. Das explosionsartige Wachstum des Wissbaren und die zunehmende Diversifizierung der Wissenschaften legen davon Zeugnis ab. Vor zwei Jahrhunderten lachten manche Wissenschaftler schenkelklopfend über die naiven Menschen früherer Zeiten, die die Erde für den Mittelpunkt des Universums hielten. Heute lächeln wir über diese naiven Menschen des 19. Jahrhunderts, die damit rechneten, dass die Menschheit bald alle Geheimnisse der Welt und alle Rätsel des Universums erforscht und durchschaut haben würde.

Eine Frau ist meine Mutter, alle anderen Frauen sind es nicht. Ich kenne nicht alle Frauen, aber ich weiß von allen – und damit von jeder einzelnen – dass sie nicht meine Mutter sind. Wenn also jemand behaupten würde, eine andere Frau als meine wahre Mutter sei meine Mutter, dann irrt oder lügt er. Abstrakt formuliert: Die Wahrheit ist das Maß für sich selbst und für den Irrtum.

Anderes Beispiel: Wenn ich meinen blauen Stoffelefanten herumzeige, aber einige meiner Freunde aus dem Kindergarten behaupten, er sei rot, gelb oder grün – ganz zu schweigen von grau –, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie sehen, dass er blau ist, wollen mich aber verwirren oder ärgern, dann lügen sie; oder sie haben eine Sehschwäche und er scheint ihnen wirklich andersfarbig statt blau, dann irren sie. Auf keinen Fall aber sind die Zuschreibungen rot, gelb, grün oder grau genauso wahr wie blau. Mein blauer Stoffelefant bleibt – ungeachtet aller Lügen und Irrtümer – wahrhaft blau. Die Wahrheit liegt nicht im Auge des Betrachters, sondern es gibt eine objektive Wahrheit. In diesem Fall ist sie blau.

… Gerechtigkeit stiftend

Wenn es keine objektive Wahrheit gäbe, hätten wir nur Meinungen, subjektive Sichtweisen, die an nichts Maß nehmen könnten. Der Standpunkt des Mörders und des Ermordeten stünden einander auf derselben Ebene gegenüber. Das Erleben des KZ-Insassen und des KZ-Folterknechts besäßen dasselbe Gewicht. Wie sollte ein Richter den Folterer oder Mörder verurteilen, wenn der achselzuckend behaupten dürfte, Menschen zu foltern und umzubringen liege nun einmal in seiner Natur oder sei ein Teil seiner Weltanschauung und Kultur. Das klingt absurd, geschieht aber doch: Viele unserer Zeitgenossen meinen, alle Kulturen der Welt seien gleichwertig. Damit wäre der früher weitverbreitete Brauch der Menschenopfer völlig in Ordnung. Ebenso die heute noch verbreitete Genitalverstümmelung bei Mädchen. Nur wenn es so etwas wie eine Wahrheit des Menschen gibt – ein Menschsein und damit auch eine Menschheit –, gibt es auch Menschenrechte. Diese gelten überhaupt nur, wenn sie für alle Menschen gelten.

Wenn es wahr ist, dass alle Menschen eine Würde haben, dann gilt das nicht bloß in einer Kultur, aber in allen anderen nicht. Und dann ist eine Kultur, die die Menschenwürde ignoriert, schlechter als eine Kultur, die sie achtet. Die Idee einer internationalen Gerichtsbarkeit geht genau davon aus: Wer in Thailand minderjährige Mädchen vergewaltigt, kann in Deutschland dafür bestraft werden; wer in Ruanda am Völkermord mitwirkte, kann in den Niederlanden vor ein Gericht gestellt werden. Warum? Weil es eine Wahrheit des Menschen gibt, die sich in seiner Würde ausdrückt.

… nicht unser Besitz

Meine Meinung gehört mir, aber die Wahrheit gehört mir nicht – eher umgekehrt. Wir halten sie nicht wie einen Besitz, sondern sie nimmt umgekehrt uns in Anspruch. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, meinte die große österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Stimmt, aber wir dürfen das ruhig noch steigern: Der Mensch hat ein Recht auf die Wahrheit. Einfach deshalb, weil er mit anderen Menschen und der Welt in Beziehung bleiben will. Jede Kommunikation setzt den Willen und die Fähigkeit zur Wahrhaftigkeit voraus. Nicht das subjektiv Empfundene oder gar das Erfundene verbindet uns als Menschen, sondern die gefundene Wahrheit.

Eines aber ist die Wahrheit nicht: eine Art Zauberformel zur Lösung all unserer Probleme. Oder eine Weltformel, die alle Rätsel der Welt erklärt. Aber sie gibt immerhin die Gewissheit, dass sich unser Grübeln und Denken, unser Forschen und Suchen lohnt, weil es nicht ins Leere geht. Es gibt etwas zu entdecken! Und übrigens: Gute Besserung, was Ihren Daumen angeht!

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