Portrait einer Frau mit roten Haarspitzen und lilafarbenem Lippenstift

   Sex

   wird

komplex

Redaktion
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Mittlerweile kann man es an jeder Ecke hören: Bisherige Orientierungen sind tot. Geschichte, Herkunft, Familie, der eigene Körper spielen keine Rolle mehr. Wir sind die Generation „danach“. Alles ist änderbar und austauschbar.
Das macht die Dinge kompliziert – vor allem auch Sex und Beziehungen. Da die eigene Identität zu entdecken, ist hart. Wenn Du wissen willst, worauf es ankommt und was auf dem Spiel steht, nimm Dir diesen Beitrag vor. Die Autorin ist eine gefragte Expertin. Zugegeben, die Sache ist anspruchsvoll. Aber billig ist die eigene Identität nicht zu haben.

Es gibt einen chinesischen Glückwunsch: Ich wünsche Dir uninteressante Zeiten! Wir leben offensichtlich in interessanten Zeiten: in einer „Post“-Welt, einer Welt „danach“. Sie ist posttraditionell, was das rasche und gründliche Vergessen kultureller Herkünfte angeht: „Geschichte ist fünf Jahre alt“ (Durs Grünbein); postnational – im Blick auf das Globale wird ein Weltbürgertum fast schon erzwungen; ja, unsere Ära ist auf dem Weg ins Posthumane (Jürgen Habermas), was die möglichen Manipulationen am menschlichen Genom und Kreuzungen mit dem Tier angeht. Sie ist weiterhin postsexuell, weil die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich im Zuge der „Gender“-Forschung als überholt ausgegeben wird.

Ein Mädchen steht auf einer regenbogenfarbenen Straße.

Mann oder Frau? Alles fließt und  keiner weiß wohin

„Fließende Identität“ ist das Motto der androgyn-multiplen Körperlichkeit der Techno-, Pop- und Cyber-Kultur. In einem transsexuell-synthetischen Idol wie Michael Jackson ist sie längst im Alltag angekommen. Utopien im Sinne des totalen Selbstentwurfes setzen sich zunehmend durch. Im Ausspielen des „Körperpotentials“ vollziehen sich „Performances“, in welchen vorzugsweise Frauen ihren eigenen Körper als Kunstwerk nutzen. Man ist nicht nur seines Glückes Schmied, sondern auch seines Körpers Schneider. Unnötig zu sagen, dass wir damit in einem Post-Feminismus angelangt sind: Die Frauenbefreiung hat ihr Subjekt verloren, da es Frauen nicht einfach „gibt“. In der „Gender“-Theorie ist nicht mehr das biologische, sondern einzig das soziale oder zugeschriebene Geschlecht Gegenstand des Nachdenkens. Das Hauptwort dieser Prozesse lautet „Dekonstruktion“. Das irritierende „Spiel mit dem eigenen Fleisch“ verwischt die Grenzen zwischen Fleisch und Plastik, Körper und Computer und noch schärfer: zwischen Mann und Frau. Folgerichtig polarisiert die neue Körperlichkeit dabei nicht mehr weiblich gegen männlich, sondern unterläuft diesen Gegensatz. „Gender nauting“ ist angesagt: das Navigieren zwischen den Geschlechtern. Konkret ist gemeint, dass ein Ausschöpfen aller sexuellen Möglichkeiten, insbesondere der Gleichgeschlechtlichkeit, von den bisherigen Konstruktionen freisetzen könne.

Ein Paar steht beisammen und lehnt sich aneinander an.

Optimieren bis der Arzt kommt! Den eigenen Körper inszenieren, Mensch und Maschine verschmelzen lassen: Bringt uns das weiter oder um?

Die eigentliche Stütze der Geschlechter-Hierarchie sei die „Zwangsheterosexualität“, die als bloßer Machtdiskurs entlarvt werden könne. Festzustellen sind mannigfaltige, auch künstlerische Ansätze zur Auflösung und Neuinstallation des Körpers im Sinne einer fortlaufend zu inszenierenden Identität, die sowohl die bisherige angebliche Starre des Körperbegriffs als auch seine Abgrenzung von der Maschine aufhebt – zumindest fiktiv in spielerischer Virtualität, teils bereits real mit Hilfe operativer Veränderung.

Unsere Lebenswelt ist damit auf dem Weg zur grundsätzlichen Überholung des eigenen Körpers. Nicht mehr nur der Science-Fiction-Leser lässt sich die mögliche Kombination von Mensch und Maschine vorführen; sie rückt vielmehr in Praxisnähe. Die Feministin Donna Haraway entwickelt den gedanklichen Entwurf des „Cyborg“ = Cyber Organism: einen durch Transplantate und technische Einbauten immer wieder funktionsfähig erneuerten Organismus. Dem Mathematiker Roy Kurzweil schwebt der Einbau von Nanocomputern in den menschlichen Körper vor. Seine fortschrittliche Frage lautet: „Braucht die Zukunft noch den [bisherigen] Menschen?“ Und die moderne Medizin bietet bisher ungeahnte Möglichkeiten: Mann kann Frau werden, den eigenen Samen einlagern und eine gute Freundin bitten, Leihmutter zu werden – so eine tatsächliche High-Tech-Kooperation. Umgekehrt: Vor einiger Zeit hat ein Mann in Berlin, der zuvor eine Frau war, ein Kind geboren, mit dem er/sie schon schwanger war… Der Schritt zu dem bereits um 1900 aufgetauchten Schlagwort vom „Dritten Geschlecht“ liegt nahe – und ist in Deutschland durch eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Oktober 2017 vollzogen worden.

Portrait einer verkleideten und stark geschminkten Person

Basteln am Dasein: Wer bist Du? Was willst Du? Und wohin soll die Reise gehen?

Der Nach-Phänomene also kein Ende; „The Day After“ ist mehr als ein Filmtitel, er ist bewusstseinsmäßige Wirklichkeit. Bisherige Orientierungen sind totgesagt. Das macht das Entdecken der eigenen Identität jedenfalls nicht leichter. Wir sind die Generation „danach“: nach Geschichte, Herkunft, Nation, Geschlecht, Körper, sogar: nach der Familie…Sexualität aber ist das Minenfeld schlechthin und steht heute mitten im Strudel unterschiedlichster Auslegungen.

Judith Butler, Rhetorikprofessorin in Berkeley, behauptete in ’Gender Trouble’ (1990), es gebe gar kein biologisches Geschlecht (sex), nur ein sozial und kulturell zugeschriebenes oder selbstgewähltes Geschlecht (gender). Das Ich trage nur eine geschlechtlich austauschbare Maske.

Dieser Gedanke enthält ein Korn Wahrheit. Denn wir haben keine „gußeiserne“ Natur. Ein Tier hat seine Geschlechtlichkeit und muss sie nicht gestalten; sie ist naturhaft gesichert, frei von Scham und funktional eindeutig auf Vermehrung gerichtet. Ein Mensch hat seine Geschlechtlichkeit und muss sie gestalten: Sie ist nicht einfach naturhaft „da“, sondern auch kulturell bestimmt. Dazu ist sie schambesetzt und nicht notwendig an Nachkommen gebunden. Im Geschlecht tut sich also ein Freiraum auf: Wir müssen unseren Sexualtrieb kultivieren. Aber heißt das, dass wir unseren Leib nur „inszenieren“?

Das deutsche Wort Leib verweist schon mit seiner Wurzel lb- auf „Leben“ und „Liebe“. Männlicher und weiblicher Leib unterscheiden sich in der Erotik. Sie sind nicht stummer, willenloser Körper. „Körper“ sind auch leblose Dinge, die man mechanisch als Werkzeug benutzen kann. Aber der Leib ist nicht „vorgeschlechtlich“ und mechanisch. „Ich habe einen Körper, aber ich bin mein Leib“ (Helmuth Plessner). Die Frau ist weder Männin noch Menschin, den Mann ohne Eigenschaften gibt es nicht. Die Natur arbeitet grundsätzlich mit dem Schloss-Schlüssel-Prinzip: der gegenseitigen Ergänzung zweier genau abgestimmter Geschlechter.

Portrait einer Frau, die sich an eine bunte Want lehnt

Männliche und weibliche „Rollen“: Alles nur gefühlt, gespielt und selbst gewählt? Was bleibt dann außer Theater?

In jeder Bevölkerung gibt es einen Prozentsatz, der sich geschlechtlich anders einordnet. Vier Varianten werden häufig genannt: Intersexe (Geschlecht ist anatomisch uneindeutig): unter 0,001 %; Transsexuelle (fühlen sich im „falschen Körper“ und veranlassen eine Geschlechtsum-wandlung); Transgender (sind biologisch eindeutig, fühlen sich aber dem anderen Geschlecht zugehörig, ohne operativen Eingriff); Homosexuelle (leben gleichgeschlechtlich): nach Umfragen 2014 in USA 1,7 %, in Großbritannien 2,7%; in Deutschland keine Umfragewerte.

Dass die genannten Gruppen um volle politische und juristische Anerkennung kämpfen (so um ein drittes Geschlecht in Formularen), ist nachvollziehbar. Doch liegen die Zahlen im unteren einstelligen Drittel und drängen keineswegs darauf, geschlechtliche Kategorien umzustellen. Von 60 Geschlechtern zu sprechen, wie im Internet, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Und auch alle genannten Abweich-ungen realisieren ihre Sexualität in einer der beiden Geschlechtsformen!

Die Umformung von Sprache ist politisches Ziel. Für australische Gesetzentwürfe heißt der Beispielsatz: „This person carries their bag under their arm.“ In Spanien stehen in der Geburtsurkunde „Progenitor A und B“, also nur noch „Erzeuger“, nicht aber mehr „Gebärende“; „Elter I und II“ ist vorläufig in der Schweiz abgeblitzt.

Aber: Sprache ist nur begrenzt manipulierbar; aus Information wird sonst Polit-Rede wie im SED-Jargon der DDR. Deutsch ist bereits überladen mit doppel-geschlechtlichen Angaben und Sternchen, für „Ausländer*Innen“ kaum zu lernen oder auszusprechen. Übrigens: Im Plural wird alles „weiblich“: auch „die“ Männer... Dagegen hat noch niemand protestiert.

Portrait eines geschminkten Manns, der zwischen gelben Blumen steht

Bio: Nur was für Hühner oder haben das auch Menschen?

Ein Ausschöpfen aller sexuellen Möglichkeiten soll laut Gender von der bisherigen „Zwangshetero-sexualität“ freisetzen. Das zielt auf eine neue Normierung: Sexualität soll individuell und variabel pädagogisch erprobt werden, und zwar quer durch alle Bildungsgänge von der Kita bis zum Abitur. Aber: Sofern dies über die natürliche Neugierde des Kindes hinausgeht, ist die geschlechtliche Animation durch Lehrpersonal wenig von Pädophilie zu unterscheiden. Geschlechtsidentität muss psychologisch gestärkt, nicht geschwächt werden. Mehrfachidentität ist gefährlich; Schizophrenie ist ja nicht das Ziel.

Tatsächlich wäre das Gender-Anliegen dann wichtig, wenn wirklich soziale Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern wahrgenommen und abgebaut werden sollen. Heute ist der Blick geschärft für andere Kulturen, die eine „klassische“ Unterordnung der Frau für selbstverständlich halten, oder sie nur als „Besitz“ des Mannes sehen. Mädchen werden vor der Geburt getötet, Frauen als Leihmütter, Organspenderinnen oder Prostituierte verkauft. Es steht dem christlichen/westlichen Kulturraum gut an, immer deutlicher die verbriefte Würde beider Geschlechter politisch, juristisch und lebensweltlich zu sichern. Gleichstellung und Gleichbehandlung müssen selbstverständlich sein.

Aber: Es ist die offene Flanke von Gender, dass der reale Leib über Bord gekippt wird. Der Leib ist keine Knetmasse. Männliche und weibliche „Rollen“ lassen sich zwar in einer „gefühlten“ oder „gewählten“ Maske spielen. Aber was bleibt dann übrig außer Theater?

Portrait eines Manns, der geschminkt und als Frau gekleidet ist

Fließende Identität? Selbst die Zeugung im Labor braucht Sperma und Eizelle

Die politische Begleitmusik ist übrigens unklar: Einerseits erklärt man männlich/weiblich für unwichtig bis nicht existent, andererseits wird gerade der weibliche Beitrag für Wirtschaft und Gemeinwesen hochgehalten. Was soll aber eine Frauenquote, wenn Geschlecht egal ist?

Man wirft dem Christentum gern Leib- und Frauenfeindlichkeit vor. Beides ist heute weit mehr in Gendern zu finden. Dessen zwei blinde Flecken heißen: Leibver-gessenheit und die ausgesparte Zeugung, denn Kinder sind immer noch die Folge von biologischem Geschlecht und nicht von sozialen Rollen. Selbst die Zeugung im Labor braucht Sperma und Eizelle. Anstelle von „fließender Identität“ ist ganz umgekehrt Mannsein und Frausein die eigentliche Gabe und Aufgabe. Niemand hat ein gußeisernes Ich, aber wir sind auch kein Luftballon, der sich erst selbst aufblasen muss. Auch wenn die Gender-Diskussion dafür heiße Luft anbietet.

Portrait eines tätowierten Manns, der mit vor dem Gesicht verschränkten Armen vor einer rosanen Wand steht.

Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz lehrte viele Jahre an der TU Dresden Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft. Heute leitet sie das „Europäische Institut für Philosophie und Religion“ an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien.

Persönlichkeiten und Wissenswertes

Durs Grünbein
(* 9. Oktober 1962 in Dresden) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller der Gegenwart. Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Lyriker und Essayist nimmt immer wieder zu gesellschaftspolitischen und kulturellen Fragen Stellung. In seinen Werken setzt er sich unter anderem mit der Philosophie oder der Naturwissenschaft auseinander, etwa mit Quanten-physik oder Neurologie. Sein Satz „Geschichte ist fünf Jahre alt“ weist auf das Vergessen historischer Zusammenhänge und kultureller Herkunft hin.

Jürgen Habermas
(* 18. Juni 1929 in Düsseldorf) zählt international zu den renommiertesten Philosophen der Gegenwart. Der bekannteste Vertreter der kritischen Theorie bezog in allen großen gesellschaftspolitischen Kontroversen öffentlich Position und prägte mit seinen Stellungnahmen nicht selten die Debatten. Mit Blick auf die Möglichkeiten der modernen Biomedizin warnt er mit Nachdruck vor dem Verlust der Humanität. Für Aufsehen sorgte ein öffentliches Streitgespräch zwischen Habermas, der sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet, und dem damaligen Kardinal Ratzinger (2004). In diesem Dialog warnte Habermas vor einer „entgleisenden“ Säkularisierung. Religion könne einen Beitrag zum Bestehen der Gesellschaft und zur Bewahrung der Humanität leisten, so Habermas.

Genom
Als Genom bezeichnet man die Gesamtheit des in einer Zelle vorhandenen Erbgutes. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms ermöglichte folgenschwere Manipulationen des menschlichen Erbguts (Genmanipulation).

Androgyn
Vereint ein Mensch in seinem Aussehen Weibliches und Männliches, spricht man von androgyn. Auf den internationalen Laufstegen der Modewelt verschwimmen die äußerlich wahrnehmbaren Unterschiede zwischen Frauen und Männern zunehmend.

The Day After
„The Day After – Der Tag danach“ ist ein US-Kinofilm (1983), der weltweit für Aufsehen und Diskussionen sorgte. Der Filme befasst sich mit den Auswirkungen eines Atomkriegs inmitten der USA.

Helmuth Plessner
(* 4. September 1892 in Wiesbaden; † 12. Juni 1985 in Göttingen), deutscher Philosoph und Soziologe, war einer der Hauptvertreter der philosophischen Anthropologie. Als Anthropologie bezeichnet man die Wissenschaft und Erforschung des Menschen, seines Wesens und seiner Entwicklung.

Illustration von unterschiedlichen Gesichts- und Körperpartien mit unterschiedlichen Kleidungsstücken.

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