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Ausgabe 02 Hoffnung

Tatort Hoffnung

By August 4, 2021September 16th, 2021No Comments

Lesedauer: ca. 3 Min.

Autor & Foto: Arno Dietsche und Jakob Schötz

Tatort Hoffnung

Hoffnung ist ein Wort, das wir täglich verwenden. Wenn wir dann gefragt werden, was Hoffnung für uns persönlich genau bedeutet, wird der Begriff schnell ungreifbar – wie Nebel, den man zwar sieht und spürt aber nicht fassen kann. Als Gefühl ist Hoffnung ganz präsent, besonders wenn es uns nicht so gut geht. Dann sind wir – hoffentlich – ganz von Hoffnung erfüllt.

Hoffnung ist wie ein Band, das jedes Leben durchzieht. Sie ist ein Leitfaden, der uns wie der Ariadne-Faden vor Gefahr schützen und einen Ausweg markieren soll. Hoffnung ist ein Band, das uns ans Weiterleben bindet. Aber hat sie nicht auch etwas Markierendes? Etwas, das unser Leben wie einen Ort der Tat definiert, es zu einem Tatort der Hoffnung macht? Es geht also um Taten. Um Taten, die am Ende – hoffentlich – zu einem gelungenen Leben führen.

Von Václav Hável stammt eine sehr gute Definition: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Auf den folgenden Seiten begegnen wir sechs Menschen. Wir bekommen kleine Einblicke in ihre Leben. An den anderen erkennen wir uns selbst. Wie verläuft unser Leben? Was ist unsere Hoffnung? Wo richtet sich die Hoffnung der anderen vielleicht an uns?

Eine Spurensuche von Arno Dietsche und Jakob Schötz

Peter
hat sein
Leben
verspielt.
Fast.

Peter K. hat sein Leben verspielt. Fast. Mit Glücksspiel. Jetzt ist er 60. Als Jugendlicher begann er zu zocken. Seit Kurzem ist er nach eigener Aussage „clean“. Glücksspielsucht ist eine Krankheit. Das sehen auch die Krankenkassen so. Glücksspiel ist aber auch ein lukratives Geschäft. In Städten und Dörfern locken Automaten. Es werden immer mehr – in Gewerbegebieten oder an Autobahn-Raststätten. Allein in Bayern gibt es rund 22.000 Spielautomaten. Zur Jahrtausendwende waren es noch 6.000. 70 Prozent spielen an Automaten. Peter K. zockte an der Börse und im Casino.

Der Bankkaufmann war erfolgreicher Berater. Für Kunden verwaltete er große Summen. Immer öfter griff er jedoch in deren Kassen. „Als Zocker bis du überzeugt, dass du am Ende gewinnst, selbst wenn das längst völlig aussichtslos ist.“ Millionen verspielte er. Die Hoffnungslosigkeit erdrückte ihn. Der Tiefpunkt: ein Selbstmordversuch. Nur durch Zufall überlebt er. Als er das Krankenhaus verlässt, wird er verhaftet. Fünf Jahre Haft wegen schweren Betrugs, lautet das Urteil. Am Ende sitzt er dreieinhalb Jahre – wegen guter Führung.

„Mir hat die Suchthilfe der Caritas viel gegeben“, betont er. Seine Erfahrungen sollen anderen helfen. Peter wird Gründungsmitglied im Betroffenenbeirat der Landessuchtstelle Bayern. „Die Zocker brauchen jemanden, der sie versteht“, sagt er. Vehement kritisiert er, dass Banken Jugendliche zu Börsen-spielen animieren und dazu anleiten, auf kurzfristige Erfolge zu setzen. Das fördere die Zockermentalität und produziere immer mehr Verlierer.

Sarahs
schönstes
Liebeslied

Sarah Ko sitzt in der Küche im elterlichen Haus. Über dem Esstisch hängt ein Kruzifix und ein Hopfen-Gebinde. Sarah erzählt von ihrer musikalischen Entwicklung in einer musischen Familie. Inzwischen schreibt sie selbst Lieder, ringt um die richtigen Worte. Das liegt ihr am meisten am Herzen. „Ich denke viel nach, habe immer Text im Kopf. Den in eine Reimform zu bringen, erlebe ich als intensiven inneren Zustand. Es braucht Zeit und Ausdauer, bis es stimmige Reime ergibt.“ Wenn die Poesie in die Sprache findet und ihre Gefühle in die Musik, ist Sarah ganz bei sich. Dann ist sie glücklich mit ihrer Arbeit.

Mit der Ukulele verwandelt sie Gefühle in akustische Schwingungen. Ihre Stimme ist zart und rein. Zuhören sorgt für Gänsehaut. In ihren Liedern ist sie ganz sie selbst. Sarah verzichtet auf alles Getue. Sie ist, was sie singt und wie sie es singt. Darum singt sie Mundart. Auf Englisch fand sie nicht zu einem vergleichbar stimmigen Ausdruck. Und Kompromisse macht sie bei ihren Liedern nicht. Den Lebensunterhalt kann man auch mit einem normalen Beruf verdienen. Außer der Musik gibt es ja noch eine Welt da draußen. Auch die ist ihr wichtig. Sarah studiert Forstingenieurwesen in Weihenstephan. „Die Leute verständlich und überzeugend zu informieren, dass ein vernünftiger und rücksichtsvoller Umgang mit den Ressourcen der Erde nötig ist“, kann sie sich als Aufgabe in diesem Beruf gut vorstellen.

Was für sie ein „Gscheng“ ist, darüber hat sie ein Liebeslied geschrieben. Der Titel: genau –  „Gscheng“. Wahrscheinlich ist es das schönste Liebeslied, das jemals in der Holledau geschrieben wurde. Wer es nicht glaubt, kann es auf dem Sampler „Szene Holledau“ überprüfen.

Felix
hat
ein
Vorbild

Felix Wittmann ist in Erbendorf bei Weiden aufgewachsen. Der 25-Jährige arbeitet seit zweieinhalb Jahren als Krankenpfleger im Krankenhaus Barmherzige Brüder in Regensburg. Zurzeit auf der Intensivstation. Felix ist kräftig. Das ist ideal für diesen Beruf. Ganz am Ziel fühlt sich Felix noch nicht. Die Richtung stimmt schon, meint er.  Aber er möchte noch etwas anderes erreichen. Zuerst holt er jetzt das Abitur nach. Vielleicht folgt dann ein Studium in Pflegemanagement. „Lebe jeden Tag, als sei es dein erster“: Den Gedanken findet Felix überzeugend, weil darin Vertrauen in die Zukunft zum Ausdruck kommt.

Lebensqualität auch im Alter bedeutet für Felix eine positive Lebensperspektive. Durch seinen Beruf weiß er, wie körperliche Gebrechen oder Demenz ein Leben einschränken und pflegende Angehörige bis zum Burn-out belasten können. Hier sieht er eine gesellschaftliche Herausforderung. In Würde alt werden zu können, dafür lohne es zu arbeiten, sagt er. Felix möchte nicht nur Individualbetreuung leisten, seine Stärke sieht er in der Arbeit mit Gruppen.

„Meine Hoffnung ist, anderen Hoffnung geben zu können“, sagt er und ist selbst überrascht. Der Satz hat es in sich. Sein Opa war Leiter eines Kinderheims. Wer gute Vorbilder hat, tut sich leichter. Anstrengend werden die nächsten Jahre dennoch. Felix hat ein Ziel, das er erreichen will. Er erinnert sich an einen Spruch seines Pfarrers: „Gott nimmt die Lasten des Lebens nicht ab, aber er gibt die Kraft sie zu tragen.” Mit Lasten und Tragen kennt Felix sich als Krankenpfleger aus.

Pater
Clemens
und seine
Knackies

Pater Clemens Habiger ist Kapuziner. Er lebt außerhalb der Klostermauern. Nicht falsch verstehen: Auf dem Foto steht er vor den Mauern der Justizvollzugsanstalt Regensburg. Er ist Gefängnisseelsorger, das hat sich für ihn vor 30 Jahren „so ergeben“. Er will weiter keine großen Worte machen über das, was er für andere tut. „Ich lebe mit den Menschen“, sagt er. Dass er auf seine Art überzeugt, zeigen die Gottesdienste in der JVA. Sie sind immer voll, auch viele Konfessionslose kommen. Pater Clemens ist für alle da, besonders wenn er gebraucht wird. Auch wenn es nur um Zigaretten geht. „Hin und wieder werde ich schon mal ausgenutzt.“ Er weiß das und lächelt. „Kein Mensch ist böse. Auch wenn er Böses getan hat.“

Dass ihnen vergeben wird, sei für die meisten Täter wichtig. Pater Clemens erinnert sich an einen Insassen, der seine eigene Frau getötet hat. Eines Tages fand er ihn weinend in der Zelle sitzen. Zuvor waren die Eltern der Getöteten da gewesen. „Sie haben ihm gesagt, dass sie ihm vergeben.“ Hoffen auf Vergebung: Für viele Straftäter bleibt das ein Lebenssinn. Pater Clemens erzählt von harten Jungs, aber auch von harten Mädchen. Eine von ihnen, mit gewalttätiger Drogenvergangenheit, meldete sich: Sie habe den Mann ihres Lebens gefunden und wolle nun getraut werden. „Aber richtig, in einer Kirche.“ Pater Clemens tat es mit Freude und mit den passenden Liedern: Er sang „Ring of Fire“ von Johnny Cash und „Love me tender“ von Elvis Presley.

Während der Fotoaufnahmen wird Pater Clemens plötzlich unruhig: „Ich muss jetzt nach Hause und kochen. Es kommen ein paar meiner Leute zum Mittagessen.“ Hoffnung kann man auch als warme Mahlzeit auf den Tisch stellen.

Sturm
mit
klarer
Stimme

Anna Maria Sturm sagt: „Ich versuche, meine eigene Stimme zu finden, nicht in einer Festlegung stecken zu bleiben.“ Für die 36-jährige Schauspielerin ist das wichtig. Die meisten Fernsehzuschauer kennen sie aus „Polizeiruf 110“ – aber sie hat beschlossen, dort aufzuhören. „Bloß mein Gesicht hinhalten und ein bisschen bayrisch reden, reicht mir nicht. Weiterentwicklung ist wichtig – gut für die Seele.“

Gerade steht die gebürtige Regensburgerin in Frankreich für die französische Filmproduktion „Les Traducteurs“ vor der Kamera. In dem Thriller spielen acht Sprachen und deren Übersetzer die Hauptrollen. Mehr Macht der Sprache gibt es höchstens im Schauspielhaus.
Auf der Bühne erlebt Anna Maria Sturm ihre Arbeit am intensivsten. Kunst ist für sie ein Garant für Hoffnung, weil Kunst eine radikale Auseinandersetzung mit dem Leben ermöglicht. Schwierige Charaktere, psychische Zustände, die Seltsamkeiten der Welt: All das gehört für sie auf die Bühne.

Als Mutter einer einjährigen Tochter blickt sie skeptisch in die Zukunft: „Die vielen Probleme werden wir nicht los, wenn alle Politiker ihre Rollen weiterspielen wie bisher.“ Eigene Kindheitserinnerungen? In der Kirche sei viel von Schuld die Rede gewesen. „Zu viel Schuld, Schuld, Schuld“, meint sie. „Kinder verstehen das nicht.“
Die Klarheit ihrer Stimme wirkt am eindrucksvollsten, wenn Anna Maria Sturm singt. In besonderen Arrangements erweckt sie die Lieder von Friedrich Holländer, Serge Gainsbourg, Billie Holiday und anderen zu neuem Leben. Als Sängerin in einem hochklassigen Jazz-Quintett gibt sie den Ton an. Die zweite CD ist in Arbeit. Von Anna Maria Sturm wird man noch viel hören – und sehen.

Klaus
kennt
ganz
andere
Welten

Klaus Schmied erinnert sich: „Es braucht mehr als ein halbes Jahr, bis man sich an die völlig fremde Welt im Gefängnis gewöhnt hat.“ Hoffnungslosigkeit und Resignation sind lähmend. „Es hilft, dass es Arbeitspflicht gibt.“ Klaus Schmied hat in der Küche als Betriebshandwerker gearbeitet. Schreinerei, Gärtnerei, Schlosserei, Buchbinderei, Metzgerei, Bäckerei: Wer keinen Beruf hat, kann in der „JVA Straubing“ einen lernen. Hoffnung entsteht im Kleinen: Bekomme ich einen Platz in der Bastel- oder der Theatergruppe? Klaus hat Bühnenbilder gebaut. „Alltagshoffnungen“ nennt er es, das Warten auf ein besseres Radiogerät oder einen Fernseher, auf den monatlichen Einkauf oder den Besuch der Schwester. Im Gefängnis ist alles genormt. „Irgendwann hat man niemandem mehr etwas zu erzählen. Es passiert ja nichts mehr im eigenen Leben. Man hat kein eigenes Leben mehr.“

Je näher die Entlassung, desto größer die Zweifel: Wird man das neue Leben bewältigen? Die Angst vor der Freiheit ist bei vielen größer als die Freude auf lange Entbehrtes. Findet sich Arbeit? Eine Wohnung? Ein Freundeskreis? Mit der eigenen Vergangenheit hat man sich beschäftigt, unterstützt von Psychologen und Therapeuten. Reicht das, um mit der Zukunft klarzukommen? „Was wäre aus mir geworden, wäre mein Vater kein brutaler Schläger gewesen?“ Auch Opferempathie musste Schmied erst mühsam lernen. Er sei ein gläubiger Mensch, sagt er. „Jesus ist ein Haltepunkt in meinem Leben. Er ist wie ein Bruder. Aber Gottvater? Da habe ich Schwierigkeiten. Mit dem Wort „Vater” verbinde ich nichts Positives.“ Wieder in Freiheit spürte er deutlich, was ihm in 15 Jahren Haft alles entgangen ist. Es gibt neue Alltagshoffnungen. Und die große Hoffnung, wieder als Teil der Gesellschaft akzeptiert zu werden.

Making of – Hinter den Kulissen des Tatorts Hoffnung
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