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Ausgabe 02 Hoffnung

BigShoe e.V.

By August 4, 2021September 16th, 2021No Comments

Lesedauer: ca. 6 Min.

Autor: Tobias Liminski | Bilder: Bernhard Spoettel, BigShoe e.V.

„Wir wollen die Welt ein bisschen besser machen“

Zusammen mit seinen Partnern und Botschaftern schenkt BigShoe e.V.
zahlreichen Kindern eine Zukunft und gibt der Hoffnung ein Gesicht.

Oft entstehen große Dinge im Verborgenen, im Kleinen. So auch in Wangen im Allgäu. Das, was der Zahnarzt Dr. Igor Wetzel und seine Freunde hier in den vergangenen elf Jahren auf die Beine gestellt haben, lässt sich inzwischen nicht mehr verbergen. BigShoe e.V. ist weltweit bekannt – nicht nur wegen des übergroßen Markenzeichens. Mit großen Schuhen sorgt sich der Verein um schwer kranke Kinder, die ohne die Hilfe vieler Spender und prominenter Botschafter nie die Möglichkeit auf adäquate medizinische Versorgung hätten. Der Verein schenkt erlebbare Hoffnung, operiert komplizierte Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, korrigiert schwere Verbrennungen und richtet mit kostenintensiven Operationen Verkrüppelungen, die das Leben der Kinder bis dahin schwer beeinträchtigt haben.

BigShoe steht für dauerhafte Hilfe. Für die Kleinsten und Schwächsten, für Kinder in den armen Ländern dieser Welt, die dringend medizinische Hilfe benötigen, die sie ohne BigShoe nicht erhalten würden. Igor Wetzel und seine Mitstreiter hinterlassen sichtbar große Spuren. In vielen Ländern, besonders gerne dort, wo die Fußball-Großereignisse, die FIFA Weltmeisterschaft oder die UEFA-Europameisterschaft, stattfinden. Die Aufmerksamkeit für die Gastgeberländer schwindet nach dem Turnier. Die geschenkte Hoffnung von BigShoe bleibt.

Marius Müller-Westernhagen unterstützt mit BigShoe die Smile Foundation in Südafrika

- GRANDIOS

Herr Dr. Wetzel, Sie sind einer der Gründer von BigShoe e.V. Wie hat alles angefangen?

- DR. WETZEL

„In geschlossenen Räumen brauche ich den Stock nicht, nur draußen,“ erzählt sie dann, als wir uns am Küchentisch den Espresso gönnen. Claras Augen haben eine leichte Schrägstellung. Sie blickt mich an, aber kann mich doch nicht sehen.

Clara kennt das Leben nur so – ohne Farben und Gesichter, ohne Mimiken und Gesten. Seit ihrer Geburt sieht sie nur leichte Schattierungen. Lebersche Amaurose nennt man diese Erbkrankheit. „Als Kleinkind war mir das wurscht“, erzählt sie. Mit zwei Jahren bekam sie ihre erste Brille. Da hatte sie noch ein Sehvermögen von etwa 15 Prozent. Während ihrer Grundschulzeit ging es damit rapide bergab. „Ich habe Schreiben und Lesen gelernt, indem ich mit dem Gesicht auf dem Blatt lag und mit dem linken Auge versucht habe, die Buchstaben zu erkennen,“ erinnert sie sich. Heute sieht sie weniger als ein Prozent.

Wir sitzen hier in ihrer Küche, um mit Clara darüber zu reden, wie sie ihren Alltag meistert, wie sie im Sport so erfolgreich wurde und wie sie über das Thema Freiheit denkt. Wie frei sie sich fühlt, obwohl sie nahezu blind ist.

Clara ging in Unterschleißheim ins Sehbehindertenzentrum. In der Grundschule lernte sie Punktschrift lesen und schreiben, eignete sich den Umgang mit Laptop und Sprachausgabesystemen an. Sie wollte unbedingt in die Regelschule gehen. Ehrgeizig war sie schon immer.

Ihre Eltern ließen ihre junge sehbehinderte Tochter springen. Im Wissen, dass das Mädchen sich immer wieder verletzen wird. Heute ist die 24-Jährige dankbar, dass ihre Eltern ihr diese Freiheit und Selbständigkeit zugestanden haben. „Ich bin genauso wie alle anderen über den Spielplatz gerannt. Ich habe mich natürlich auch hin und wieder böse angeschlagen und hatte aufgeplatzte Lippen, weil ich gegen irgendeinen Pfosten geknallt bin.“

Als Kind dachte sie nicht so viel darüber nach, was alles passieren könnte. Ihre Sehnsucht nach Freiheit war größer als ihre Angst. Sie wollte sich so ungezwungen und frei bewegen wie ihre sehenden Freundinnen.

Der Schuh ist kaum zu übersehen. Wie kam es zum übergroßen Markenzeichen Ihres Vereins?

Der BigShoe steht für große Aufgaben, die vor uns liegen. Es gibt überall auf der Welt Kinder, denen wir helfen können und unserer Meinung nach helfen müssen. Ein Fußballschuh deshalb, weil der Fußball wie keine andere Sportart Menschen verbindet. Fußball ist die schönste Nebensache der Welt. Wir wollen die Aufmerksamkeit dieser schönsten Nebensache nutzen, um den Fokus auf die Menschen zu lenken, denen es nicht so gut geht. Deshalb der Fußballschuh.

Der französische Nationalspieler Paul Pogba zusammen mit Kindern des BigShoe-Kids-Club

Was ist Hoffnung für Sie? Wie drückt sich Hoffnung für Sie aus? Wo wird sie greifbar?

Papst Benedikt hat mal geschrieben: „Wer hofft, lebt anders.“ Da ist was dran. Das sehe ich, wenn mich die Kinder nach der OP anlachen. Wenn die leuchtenden Augen der Kinder und Eltern mich anschauen. Dann bekommt Hoffnung ein Gesicht. Und diese sichtbare Hoffnung kann man teilen. Ich mache das Ganze ja nicht allein. Wir sind inzwischen ein tolles engagiertes Netzwerk von über 100 ehrenamtlich operierenden Ärzten und vielen weiteren Fachleuten, die die Idee von BigShoe immer weiter entwickeln und nachhaltig gestalten.

Wer macht bei Ihnen mit? Wer operiert mit oder für BigShoe e.V.?

Die BigShoe-Elf besteht aus vielen Helfern. Da sind zum einen natürlich die Ärzte, die ihre Zeit und ihr Know-how ehrenamtlich zur Verfügung stellen. Neben den Ärzten arbeiten zahlreiche weitere Helfer, die das kontinuierliche Sammeln der Spenden organisieren und verwalten. Und da sind Sie, die Medien! Sie machen gerade mit. Denn in dem Augenblick, in dem Sie mich befragen, sehen und lesen uns viele hundert Menschen und erfahren von uns. Das hilft bereits. Jeder, der spendet, ist „part of the match“. Und neben den vielen Spendern gibt es unzählige prominente Sportler und Musiker die mitmachen, die sich von der Idee anstecken lassen. Bundestrainer Joachim Löw, Mesut Özil und weitere international bekannte Fußballer, der Musiker Marius Müller-Westernhagen, Günter Netzer, der Papst und viele mehr. Sie alle stellen ihre Prominenz in den Dienst von BigShoe. Wenn Sie so wollen: Nicht nur große Schuhe, sondern auch große Namen machen Werbung.

„Um der Armut zu entkommen, sind die Menschen auf ihre gesunden Beine angewiesen.“

Nach welchen Kriterien werden die zu operierenden Kinder ausgewählt?

Wir arbeiten mit vielen Hilfswerken, wie zum Beispiel der weltweit operierenden Organisation Interplast oder der Smile Foundation aus Südafrika zusammen. Die ehrenamtlich arbeitenden Ärzte und Krankenschwestern der jeweiligen Organisationen sind für uns vor Ort und planen für uns die Durchführung der Operationen. Die Entscheidung, welches Kind operiert werden kann, fällt das Ärzteteam vor Ort. Kinder, deren Leben mit dem Eingriff grundlegend verbessert oder überhaupt erst möglich gemacht werden können, haben Vorrang.

Welche Operationen werden durchgeführt?

Die Operationen, die wir durchführen, beheben unterschiedlichste Verletzungen oder unterschiedlichste Verletzungen oder Missbildungen. Da ist fast alles dabei. Ein Beispiel will ich hier nennen: Die Beine der dreijährigen Shania zum Beispiel, waren so stark verbogen, dass ein Medizinball durchgepasst hat. Shania schien davon kaum beeinträchtigt, sie lachte viel, spielte und freute sich wie ein ganz normales Kind. Bei der Operation in Tansania, genauer in Ifunda, wurden die Knochen der Kleinen gedreht und gerichtet, damit sie wieder gerade zusammenwachsen können. Nach der OP lagen Shanias Beine sechs Wochen in einem Gipsverband. Danach konnte sie wieder ganz normal laufen. Ohne den Eingriff hätte Shania schon bald keine längeren Strecken mehr laufen können. Letztlich wäre ihr nur der Rollstuhl geblieben, da die Kniegelenke das nicht mehr mitgemacht hätten. Um der Armut zu entkommen, sind die Menschen in Tansania auf ihre gesunden Beine angewiesen. Nur wenn jemand gehen kann, ist ein unbekümmerter Schulbesuch oder eine Ausbildung überhaupt möglich.

Seit der WM 2014 ist Nationalspieler Mesut Özil Botschafter und Partner von BigShoe. Seit 2016 auch der Franzose Paul Pogba. Wie kam es zu diesen Partnerschaften und was macht so ein Botschafter? Wie hilft er Ihnen?

Mesut Özil hat vor der WM in Brasilien von unserer Arbeit gehört und wollte uns unterstützen. Damals hat er elf Kindern die Operation bezahlt und uns und die Arbeit des Vereins über seine Social Media Kanäle weltweit bekannt gemacht. Das allein ist unbezahlbar. Dies hat uns die Arbeit vor Ort erleichtert, weil viele Unternehmer und Bürgerinnen und Bürger dem Beispiel gefolgt sind und ebenfalls gespendet haben. Inzwischen sind BigShoe und Mesut Özil echte Partner geworden. Mesut will immer wissen, was aus den Kindern geworden ist, informiert sich über die kommenden Vorhaben und unterstützt uns hier auch wieder finanziell. Das macht natürlich Schule. Paul Pogba hat von Mesut Özils Engagement gelesen, hat sich dann bei uns gemeldet und wollte uns ebenfalls unterstützen. Medienwirksam in Frankreich zur EM. Das hilft natürlich auch den Fußballern, aber in erster Linie uns und damit den Kindern, die wir operieren. Mesut und Paul sind dankbar für ihr Talent und möchten mit der Hilfe, die sie leisten, etwas zurückgeben. Und wir freuen uns, so starke und engagierte Botschafter in unseren Reihen zu haben.

Gibt es Momente, die Ihnen besonders unter die Haut gegangen sind?

Das waren viele Momente. Momente, die Motor und Antrieb für mein Engagement bei BigShoe sind. Und doch gibt es zwei, drei, die vergesse ich nie: Das erste Kind zum Beispiel, die kleine Nourisson aus Togo, die wir nach Deutschland geholt und hier operiert haben. Ihre Mutter hat nach der erfolgreichen Operation vor Glück geweint. Diese strahlenden, dankbaren Augen der Mutter und des Kindes werde ich niemals vergessen. Gelebte Hoffnung. Der zweite Moment hat nur bedingt mit einer Operation zu tun. Das war, als wir Papst Benedikt XVI. unsere Markenzeichen Shirt und Schuh überreichen durften und seinen Segen für unsere Arbeit erbeten haben. Seine – und auch die Worte seines Nachfolgers Franziskus ein paar Jahre später – haben uns alle sehr motiviert. Die Schweizer Garde bewacht den Schuh fast so gut wie den Papst selbst. Das macht uns sehr stolz. Und dann wieder eine Situation vor Ort: Während der Fußball-WM 2014 hat BigShoe in Brasilien rund 150 Kindern operiert. Für mich bleibt auch hier die Reaktion der Eltern eines Kindes unvergesslich. Sie luden uns zu sich nach Hause ein. Die Großfamilie mit Omas, Opas, Tanten und Onkeln – alle eilten herbei, um dafür zu danken, dass die kleine Emily nun eine Zukunft ohne soziale Stigmatisierung vor sich hat. Die vielen glücklichen Augen bleiben mir immer in Erinnerung.

Papst Franziskus erhält sein Trikot von BigShoe Botschafter Bruno Sieg

Spielt Gott, spielt Ihr Glaube bei Ihrem Engagement eine Rolle?

Ja, schon. Glaube, Liebe und Hoffnung sind drei der sieben Tugenden. Wir glauben an Gott und sind sehr dankbar für die Talente, die er uns geschenkt hat, damit wir unsere Arbeit weltweit tun können. Wir lieben die Menschen und hoffen darauf, ihnen ein erfüllteres Leben ermöglichen zu können. „Wer glaubt, ist nie allein“, auch das hat Papst Benedikt mal gesagt. Und wir sind auch nie allein. Wir lassen am liebsten kein Kind allein. Insofern hat das schon viel mit Gott und Glaube zu tun, was wir machen. Unser Glaube, der Segen aus Rom, das alles motiviert uns immer wieder neu, Nächstenliebe zu leben und Hoffnung zu schenken.

Bambi Gewinner BigShoe e.V. und Gründer Dr. Igor Wetzel

Sie wurden für Ihre Arbeit bereits mit Preisen ausgezeichnet. Wie ist es, einen Bambi für Mitmenschlichkeit zu bekommen?

Das ist ein Moment, den man nicht vergisst. Der Bambi kam unerwartet. Umso mehr haben wir uns gefreut. Es ist toll, dass wir ihn bekommen haben. Für das erste operierte Kind aus Togo. Noch schöner wäre es, wenn wir für Kind Nummer 20.000 noch einen Bambi bekämen.

Wie vielen Kindern haben Sie durch die Operationen bereits Hoffnung auf ein erfülltes Leben geschenkt?

Wir können das ziemlich genau sagen. Zwar steckt die Struktur unseres Vereins noch in größeren Kinderschuhen, aber wir wissen genau, wann wir welches Kind operiert haben und wie wir es operiert haben. Welchen Befund wir vorgefunden haben und was wir letztlich gemacht haben. Es sind etwas mehr als 1.450 Kinder. Eine Zahl, die uns stolz macht, die aber gleichzeitig auch antreibt. Das ist nicht das Ende der Fahnenstange.

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